Postkarten für den Plattenteller: Grafik mit Groove

Zwei Tiroler haben mit Vinyl-Postkarten einen kleine Nische am Weltmarkt erobert. Auf ihren Ansichtskarten dreht sich fast alles um den richtigen Klang.

Von Silvana Resch

Innsbruck –Vinyl-Postkarten sind zwar zum Versenden gedacht, sie sollten zuvor aber in ein Kuvert gesteckt werden. Zerkratztes Vinyl mag in den Ohren der wachsenden Schallplatten-Fangemeinde zwar charmanter klingen als beschädigte CDs. Ein auf dem Postweg hinzugefügtes Knistern und Knarzen wäre bei der Klangqualität der aus der Innsbrucker Weyrerfabrik stammenden Vinyl-Postkarten – Vinylpostcards.com – aber wirklich zu schade. Schließlich überzeugen hier nicht nur Idee und Design. „Bis wir mit dem Sound zufrieden waren, hat es drei Jahre Entwicklungsarbeit gebraucht“, erzählt Musikproduzent Kenneth Winkler.

„Der Vinylschneider ist ein komplexes Ding“, sagt der 27-Jährige über die Maschine, mit der er den „Groove in das Vinyl schneidet“. Für diesen Vinylschneider hat Winkler zwei verschiedene Schneidesysteme zusammengeführt und adaptiert. Damit wird nun Postkarte für Postkarte, Rille für Rille bearbeitet: „Vom Auflagegewicht des Schneidesystems über die Oberflächenbeschaffenheit bis hin zum Master gilt es, viel zu beachten.“

Das Audiomaterial müsse speziell aufgearbeitet werden: „Ein Mix, der für ein digitales Medium gemacht wurde, funktioniert auf Vinyl nicht“, erklärt der Tontechniker, der am Tiroler Landestheater zuletzt mit Kompositionen für das Tanzstück „Körper.Seelen“ aufhorchen ließ. Für die technische Umsetzung der Vinyl-Postkarten wurde er gewissermaßen „rekrutiert“. Kollege Albi Dornauer, Musikjournalist und „passionierter Plattensammler“, hatte am Flohmarkt nämlich Feuer und Flamme für ein Produkt gefangen, das nie so recht den Durchbruch schaffte. Eine „singende“ Ansichtskarte („La cartolina che canta“) aus den 60er-Jahren, scheppernd klingende Grüße aus Italien. „Damals wurde viel experimentiert, wo sich Schallwellen überall hinpressen lassen“, so Dornauer.

Gut 50 Jahre später ist die Nachfrage nach dem Nischenprodukt Vinyl-Postkarte jedenfalls gegeben: „Aufträge kommen aus aller Welt.“ Nahezu jedes Major-Label habe bereits angefragt.

Die Vinyl-Postkarte trifft in „Retromania“-Zeiten geradewegs den Nerv der Popkultur. Sie eignet sich zudem hervorragend als Promo-Tool. Musikjournalisten werden mit Neuveröffentlichungen geradezu überschwemmt, „man kann gar nicht alles anhören“, spricht Dornauer aus Erfahrung. „Das kleine Wiener Label Leap Records konnte mit einer Vinyl-Postkarte beispielsweise die Aufmerksamkeit des Musikmagazins De:Bug gewinnen. Nun werden auch deren weitere Neuerscheinungen rezensiert“, berichtet der Innsbrucker. Doch die Abnehmer kommen nicht nur aus der Musikbranche, sondern auch aus der Film- oder Kunstszene. Einer der bislang größten Aufträge für Vinylpostcards kam von Medien.Kunst.Tirol. 100 „Art!fakt“-Box-Sets mit je 15 Karten, darauf zu hören u. a. der Tiroler Hardcore- Jazz-Electro-Grenzgänger Philipp Quehenberger, Local Turntable-Hero Brttrkllr oder das Isländische Musikprojekt GusGus.

Bei Vinylpostcards dominieren bislang aber Kleinproduktionen, auch Hochzeitspaare zählen zu den Kunden. Mindestauflage sind 20 Stück, Nettopreis 7,50 Euro je Karte. Von ihrer Entwicklung können die beiden zwar „noch nicht leben“, als Musikliebhaber betreiben sie aber auch ihr eigenes kleines Label „Postmanslove“. „Als wir technisch die größten Probleme gemeistert hatten, konnten wir uns wieder auf unsere eigentliche Idee konzentrieren, nämlich selbst Musik auf Postkarten herauszubringen“, sagt Winkler.

Das Label startete Anfang des vergangenen Jahres mit drei Rap-Singles der US-Musiker Robust, Bleubird und Candy’s.22. Zu den aktuelleren Releases zählt das Restless Leg Syndrome mit dem Song „Do You Love Me“. Die drei Tiroler DJs DBH (früher Total Chaos), Chrisfader und Testa haben bereits ihr zweites Album herausgebracht. Auf „Dabkeh“ hat sich das Restless Leg Syndrome mit seiner tanzbaren Clubmusik zwischen Hip-Hop und Dubstep dem Nahen Osten zugewandt. Samples aus dem Libanon betören mit entsprechender Artwork auf dem „Postmanslove“-Release.

Die Karten knüpfen im digitalen Musik-Downloadzeitalter an den einst so wichtigen Aspekt der Musikkultur: Das Schallplattencover als Kunstwerk. „Die Grafik ist mindestens ebenso wichtig wie der Sound, wenn nicht noch wichtiger“, sind die beiden Postkartenboten jedenfalls überzeugt. „Manche hängen die Karten einfach nur auf“, sagt Winkler. Zerkratzt werden sollten sie dennoch nicht. Diese Grafik hat garantiert den richtigen Groove.


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