Aus dem Leben des Geringsten

„Wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen“: In „Woyzeck“ verdichtet Georg Büchner der Wirklichkeit abgetrotzte Tatsachen zu einer exemplarischen Studie menschlicher Verzweiflung.

Erbsenessen als rücksichtsloses Doktorspiel: Benjamin Schardt als Woyzeck und Thomas Lackner als Regimentsarzt.
© TLT/Larl

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Ernst Büchner war Arzt, fühlte sich als Forscher und nahm regen Anteil am medizinischen Diskurs seiner Zeit. Hilfesuchende Patienten sah Büchner nicht zuletzt als Versuchskaninchen, denen er in der Hoffnung auf neue Erkenntnisse mitunter übel mitspielte. Seine Ergebnisse und ausgewählte Fallbeispiele notierte er penibel – manches veröffentlichte er. Im Dezember 1836 schickte Ernst Büchner einige Exemplare seiner Schriften an seinen Sohn Georg nach Zürich. Der kürzlich promovierte Privatdozent solle seinen Schülern gelegentlich „Erzählung davon machen“.

Was der Vater nicht ahnte: Georg Büchner arbeitete zu dieser Zeit an einer ganz anderen Erzählung. Sein Drama „Woyzeck“ sollte nebst anderem eine beißende Anklage gegen rücksichtslose Doktorspiele der Medizin sein, für die nicht zuletzt sein eigener Vater stand. Büchners unglückseeliger Füsilier Woyzeck ist der ausgezehrte Forschungsgegenstand eines experimentiersüchtigen Regimentsarztes. 90 Tage lang darf er nur Erbsen essen und daraus „kostbaren Harnstoff“ generieren. Der Wert eines Menschenlebens hängt hier vom Ammonium-Gehalt seiner Pisse ab, von seiner Tauglichkeit im Dienste der Wissenschaft.

Was nach bühnentauglich zugespitzter, ins Groteske kippender Satire klingt, hat Büchner seiner Umwelt abgeschaut: Als ausgebildeter Mediziner kannte er die Fachliteratur, wusste von Ernährungsexperimenten in England und Frankreich und mit den ganz ähnlichen Versuchen des Chemiepioniers Justus von Liebig war er als Student an der Universität Gießen sowieso vertraut. Doch was seine Kollegen als wissenschaftliche Sensation veröffentlichten, deutet der Autor Büchner um, machte anschaulich, mit welchen Methoden und – vor allem – auf wessen Kosten am Fortschritt gebastelt wurde.

Im Grunde war „Woyzeck“ für Büchner eine Probe aufs Exempel, die Anwendung einer programmatischen Idee, über die er bereits in seiner Künstlernovelle „Lenz“ nachdachte. „Man versuche es einmal und senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder, in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Minenspiel“, heißt es dort. Der Stoff für ein solches Experiment, die Tragödie eines Mannes, den eine rücksichtslose Umwelt, die vielzitierten sozialen Verhältnisse, zum Mörder macht, lässt sich nicht erfinden. Wer das Unterfangen ernst nimmt, muss den Stoff der Wirklichkeit abtrotzen. Am 27. August 1824 wurde der ehemalige Soldat und Gelegenheitsarbeiter Johann Christian Woyzeck auf dem Leipziger Marktplatz wegen Mordes an seiner Geliebten hingerichtet. Der Exekution ging eine mehrjährige öffentliche Debatte über Zurechnungs- und damit Straffähigkeit des Täters voraus. Büchner kannte die Gutachten des Leipziger Stadtphysikus Johann Christian August Clarus, der sich letztlich für die Schuldfähigkeit des Delinquenten aussprach. Auch wenn Büchner aus Clarus’ Schilderungen einen ganz anderen Schluss zog, bilden sie die Hauptquelle seines Dramas, das den „Fall Woyzeck“ mit Einzelheiten anderer Bluttaten, die er in der Zeitschrift für Staatsarzneikunde studierte, verschmolz.

Trotzdem ist der „Woyzeck“ keine dramatische Rekonstruktion authentischer Fälle – und schon gar kein Dokumentarstück. Was Büchner bei Clarus und in anderen Quellen fand, waren Details, die er in den Dienst einer höheren dramatischen Wirklichkeit stellte und zur exemplarischen Studie menschlicher Verzweiflung im von Massenarmut geprägten 19. Jahrhundert verdichtete. „Wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen“, bringt Woyzeck seine aussichtslose Misere auf den Punkt.

Im Zentrum steht dabei die These, dass Woyzecks Verbrechen ein soziales Verbrechen an Woyzeck vorausging. Es liege „in Niemands Gewalt (...), kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden, – weil wir durch gleiche Umstände wohl Alle gleich würden, und weil die Umstände außer uns liegen“, schrieb Büchner im Februar 1834 in einem Brief an seine Familie. Im „Woyzeck“ führt er diesen Standpunkt aus und schuf so einen Mörder, der eigentlich nichts dafür kann, einen Getriebenen, der im Mahlwerk einer sich unbarmherzig modernisierenden Welt unter die Räder kommt.

Vollenden konnte Büchner den „Woyzeck“ nicht mehr. Am 17. Februar 1837 starb er 23-jährig an Typhus. Die Manuskripte wurden erst nach dem Tod des Autors in dessen Nachlass entdeckt und als „beinahe vollendetes Drama“ identifiziert. In Auszügen erschien es erstmals 1875 in der Neuen Wiener Presse, 1879 wurde es als „Wozzeck“ Teil der Büchner-Gesamtausgabe und 1913 – im Jahr von Georg Büchners 100. Geburtstag und wesentlich angestoßen durch Hugo von Hofmannsthal – kam es im Münchner Residenztheater erstmals auf die Bühne. Von dort aus eroberte „Woyzeck“ die Theaterwelt. Heute zählt es als „offene Wunde“ (Heiner Müller) zu den meistgespielten und künstlerisch folgenreichsten Stücken der Weltliteratur.

In einer Inszenierung von Schauspieldirektor Thomas Krauß hat „Woyzeck“ heute Abend, 19 Uhr, am Tiroler Landestheaters Premiere.


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