Ein Verrückter regiert das Land

In Roberto Andòs Satire „Viva la libertà“ brilliert Toni Servillo in einer Doppelrolle.

© polyfilm

Innsbruck –In den siebziger Jahren war Gian Maria Volonté das Gesicht des italienischen Politkinos, mit dem Regisseure wie Elio Petri und Francesco Rosi dem Land einen Spiegel vorhalten wollten, indem sie Labyrinthe aus politischen Verschwörungen und Verstrickungen entwarfen, die sich Jahre später als visionäre Dokumentarfilme über ein Spinnennetz der Macht entpuppten. Die Enthüllungen über die Verknüpfungen amerikanischer Geheimdienste mit italienischen Militärs und neofaschistischen Organisationen bei Bombenanschlägen zur Destabilisierung des Staates ließen eine grausame Strategie sichtbar werden, der mit Fantasie nicht beizukommen war. Gian Maria Volonté (1933–1994) spielte in diesen Filmen Ministerpräsidenten, Gangster, Unternehmer oder einen faschistischen Polizisten in Elio Petris 1971 mit dem Auslandsoscar gekrönten Film „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“.

Nun gibt es in Italien wieder einen Schauspieler, der mit seiner Virtuosität einen Film in schwindelerregende Höhen treiben und auf dem schmalen Grat großer Kunst wie zuletzt eben nur Volonté balancieren kann. Toni Servillo gewann zuletzt für seinen Gesellschaftskolumnisten Jep Gambardella in Paolo Sorrentinos „La grande bellezza“ den Europäischen Filmpreis. Bereits 2008 lieferte Servillo für Sorrentino in dessen Film „Il Divo“ ein Porträt von Giulio Andreotti, der wie kein anderer Politiker zwischen Geheimloge, Mafia und Regierungsbank hin- und herschleichend unbegrenzte Macht verkörperte. In Roberto Andòs „Viva la libertà“ (der Film entstand vor „La grande bellezza“, doch der Kinostart außerhalb Italiens verdankt sich dem neuen Ruhm Servillos) spielt Servillo Zwillingsbrüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Enrico Oliveris Partei wartet nach verheerenden Umfragewerten nur noch auf den richtigen Moment, den ungeliebten Politiker in die Wüste zu schicken. Enrico verschwindet diskret für eine Denk- und Lenkpause nach Frankreich, um sich von einer ehemaligen Geliebten (Valeria Bruni Tedeschi) inspirieren zu lassen. Da auch das Verschwinden des Oppositionsführers eine Staatskrise auslösen kann, erinnert sich Enricos Sekretär an die verblüffende Ähnlichkeit der beiden Brüder, die sich seit 25 Jahren aus dem Weg gehen. Giovanni ist ein Philosoph, der seine bipolaren Störungen in der Psychiatrie behandeln lässt. Der depressive Doppelgänger bringt wieder Leidenschaft in die Politik und der linken Opposition wird der Wahlsieg wohl nicht mehr zu nehmen sein, wer auch immer das Land regieren wird. „Viva la libertà“ ist die Satire über die Ära nach der Politik. Wer hätte etwa einmal geglaubt, dass es sich die Menschen gefallen lassen, dass Filme im TV für Werbepausen unterbrochen werden. Von diesem Skandal erzählt Federico Fellini, als dessen Assistent Roberto Andò gearbeitet hat, in einer Archivaufnahme. Und dass Verrückte ein Land regieren, ist das Normale. (p. a.)


Kommentieren


Schlagworte