Der Wurst-Wörgl und das Innsbruck im Auflauf

Angewandte (W-)Ortklauberei: „Der tiefere Sinn des Labenz“ findet Namen für noch unbenannte Gegenstände, Gefühle und Handlungen.

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Von Joachim Leitner

Innsbruck –Man muss den exzessiven Genuss alkoholhaltiger Getränke nicht gutheißen, aber mitunter sind es die sprichwörtlichen Schnapsideen, die sich als besonders folgenreich erweisen. 1971 bettete sich der Rucksackreisende und angehende Autor Douglas Adams nach durchzechter Nacht in einem Acker nahe Innsbruck zur Ruhe, blickte kurz gen Himmel und wurde von einem Geistesblitz nicht nur illuminiert, sondern beinahe erschlagen: Intergalaktische Umfahrungsstraßen, depressive Roboter und „die Frage nach dem Sinn des Lebens, dem Universum und dem ganzen Rest“. Am heimischen Schreibtisch spann Adams diesen Gedanken weiter. Letztlich wuchs sich „Per Anhalter durch die Galaxis“ zu einer „vierteiligen Trilogie in fünf Bänden“ aus – und machte den Autor berühmt.

So berühmt, dass er sich fortan Experimente erlauben konnte. Experimente, die bisweilen geradezu provozierend einfältig daherkommen – und bei näherer Betrachtung jene wohligen Aha-Erlebnisse hervorrufen, die auch den Kern der auf den ersten Blick konventionellen „Anhalter“-Reihe ausmachen. „The Deeper Meaning of Liff“ zum Beispiel, das Adams zusammen mit seinem langjährigen BBC-Weggefährten John Lloyd während eines Malibu-Urlaubs ersann – ob mit oder ohne den Einfluss von Alkoholika tut nichts zur Sache – ist zunächst einmal ein Wörterbuch. Aber eben kein ganz gewöhnliches Wörterbuch, denn es versucht jenen Gegenständen, Gefühlen und Handlungen einen Namen zu geben, die bislang umständlich umschrieben werden mussten. Dass sie für ihr Unterfangen keine neuen Wörter erfinden müssen, stellten Adams und Lloyd bereits im Vorwort klar, schließlich sei „die Welt voll von unbenutzten Wörtern, die während ihres gesamten Daseins nichts weiter tun, als auf Schildern herumzuhängen und auf irgendwelche Orte zu deuten“. Kurz: Sie plünderten das Inhaltsverzeichnis von Atlanten und erweiterten dadurch augenzwinkernd und mit Freude am Nonsens die Grenzen des Sagbaren. Endlich gab es wenigstens im Englischen ein Wort für die angenehm kühle Rückseite eines Kopfkissens oder jenes eine vermaledeite Rad, das den Einkaufswagen manövrierunfähig macht.

Deutschsprachige Wortklauber mussten lange auf eine vollständige Übertragung von „The Deeper Meaning of Liff“ warten: Über zwei Jahrzehnte suchte Sven Böttcher, der zu Recht als Mitautor der jetzt erschienenen deutschen Neuauflage des Buches geführt wird, nach passenden deutschen Orts- und Flurnamen für seinen „Tieferen Sinn des Labenz“. Und wurde dabei auch in Österreich fündig: Leser können fortan an der Wursttheke fordern, dass bei der Salami-Scheibe der „Wörgl“, also der Darmring um die einzelnen Scheiben, entfernt wird, sich im Restaurant über einen „Innsbruck“ – etwas überraschend Hartes in einem Auflauf – echauffieren, oder im Kino versuchen, am Riesen auf dem Vordersitz „vorbeizulinzen“. Er kann aber auch auf Film und Riesen pfeifen, den „tieferen Sinn des Labenz“ aus der Tasche ziehen und bis zum „Uffing“, dem nach einem Ort in Oberbayern benannten „triumphierendem Zuschlagen eines Buches nach Beendigung der Lektüre“, darin schmökern.

Wörterbuch Douglas Adams/John Lloyd/Sven Böttcher: Der tiefere Sinn des Labenz. Rogner&Bernhard, 311 Seiten, 14,90 Euro.


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