Die einstige Ikone kann nicht mehr begeistern

Von der einstigen Popularität Julia Timoschenkos ist wenig zu spüren.

Timoschenko kurz nach ihrer Freilassung auf dem Maidan-Platz: Kann die ehemalige Premierministerin noch ein Comeback feiern?
© Reuters/Fedosenko

Von Michael Riedmüller

Kiew –Während auf der Bühne vor ihr die Menge angeheizt wird, blickt Julia Timoschenko auf ihre Uhr. Nur noch ein paar Sekunden, bis die Glocken der Sofienkirche hinter ihr läuten werden. Die Rückkehr der früheren ukrainischen Premierministerin auf die Bühne der großen Politik ist perfekt inszeniert. Mit dem Glockenläuten tritt sie vor die Menschen, Jubel unten, mildes Lächeln und eine emotionale Rede oben. Die Jahre hinter Gittern mögen Spuren an ihrem Körper hinterlassen haben, ihrem Talent als charismatische Wahlkämpferin konnten sie nichts anhaben.

„Putin will uns Ukrainer für unseren Wunsch nach Freiheit bestrafen, für unsere Entscheidung für Europa, für unsere Fähigkeit zu kämpfen“, ruft sie in die Menge und verspricht: „Wenn ihr mir euer Vertrauen gebt, dann werde ich den Aggressoren keinen Zentimeter unseres Landes überlassen.“ Sie erntet Applaus, doch wirkliche Begeisterung kann sie nicht entfachen. „Julia, Julia“-Sprechchöre werden angestimmt, doch die Rufe wirken mehr wie eine Pflichterfüllung, Euphorie sieht anders aus. Der Platz vor der Kirche, der Timoschenko schon in den Hochzeiten ihrer Popularität als Zentrum ihrer Wahlkämpfe diente, ist nur spärlich gefüllt – kein Vergleich mit 2010, als sie hier vor den letzten Präsidentschaftswahlen auftrat.

Auf dem Platz gegenüber vor der Michaelskirche steht ein Dutzend Reisebusse. „Die meisten Menschen hier werden dafür bezahlt, herzukommen“, sagt Ihor, ein Passant, der zufällig vorbeikommt, und deutet auf die Busse. Beweisen kann er seine Aussage freilich nicht, aber ob bezahlt oder nicht, echte Überschwänglichkeit für die Politikerin ist nur bei wenigen Menschen zu erkennen. Dabei sollte die Veranstaltung im Zentrum Kiews der Auftakt für eine Aufholjagd im Rennen um die Präsidentschaftswahl am 25. Mai sein.

Laut Meinungsumfragen liegt sie bisher abgeschlagen zurück. Petro Poroschenko, der „Schokoladenkönig“, wie er wegen seines Süßwarenimperiums „Roshen“ genannt wird, würde demnach in Stichwahlen als klarer Sieger hervorgehen. Seit dem vorigen Wochenende kann er auch noch auf die Unterstützung von Vitali Klitschko zählen, der überraschend seine Kandidatur zurückgezogen hat und stattdessen bei den Kiewer Bürgermeisterwahlen antritt. Eine Entscheidung, die auch gegen Timoschenko gerichtet war. Klitschko forderte sie auf, auch ihre Kandidatur niederzulegen, die demokratischen Kräfte müssten einen gemeinsamen Kandidaten unterstützen. Am Kiewer Maidan, dem Zentrum der Protestbewegung, erntete der frühere Boxweltmeister Respekt, als er in einer emotionalen Rede seine Entscheidung erklärte. Am selben Ort, wo Politiker in den vergangenen Wochen und Monaten öfter ausgebuht als bejubelt wurden.

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Timoschenko hat in der Vergangenheit schon oft bewiesen, dass sie die Massen mitziehen kann, aber diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. „Die meisten Menschen in der Ukraine glauben ihr nicht mehr“, sagt die Journalistin Nataliya Gumenyuk, die beim zu Anfang der Proteste neu gegründeten Online-Fernsehsender Hromadske.tv arbeitet, während sie das Geschehen am Sofienplatz verfolgt. „Sie ist eine Politikerin von gestern, ihre Zeit ist vorüber.“


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