Der ORF-Benz rollt jetzt durch Europa

Wie geht Europa mit Bürokratie, Paragrafen und Einwanderung um? Für den ORF liegen die Antworten darauf erneut auf der Straße.

Von Cornelia Ritzer

Wien –Man kennt das ja: Ein Termin, man vergisst, das Handy auszuschalten, und es klingelt. Schön, dass dieser Mini-Fauxpas auch ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner passiert. „I’m happy“, singt Pharrell Williams aus ihrer Tasche, gerade als sie den EU-Spin-Off der „Wahlfahrt“ vorstellen will. „Es stimmt, ich bin happy“, sagte Zechner und dreht das Handy ab, ganz Prof­i. Die „Wahlfahrt“, das clevere und erfolgreiche Format, in dem etwa Parteigründer Frank Stronach die Todesstrafe für Berufs­killer forderte, fährt nach Europa. Erneut setzt sich ORF-Journalist Hann­o Settele hinters Steuer des schönen, alten Mercedes. Auf dem Beifahrersitz nehmen EU-Politiker Platz, statt des klassischen Frage-Antwort-Spiels soll sich durch die alltägliche und relaxtere Situation ein etwas anderes Interview entspinnen. Idealerweise.

Die ersten Ausschnitte sehen ganz danach aus. Verhandlungen in Brüssel werden in den EU-Staaten „als Boxkampf“ wahrgenommen, sagt etwa Kommissions-Vizepräsidentin Viviane Reding. Das geht im Vergleich zu manchen Stehsätzen schon als knackiger Sager durch. Zum Lachen bringt dann der Dialog über die Fähigkeit der Frauen zum Multitasking. Männer könnten das doch auch, so der schüchterne Einwand des Journalisten. Reding knochentrocken: „Aha, das ist die Neuigkeit des Tages.“ Dass EU-Politiker Spaß machen, könnte die Neuigkeit dieser Sendung sein.

Doch nicht nur für Lacher hat sich Settele ins Auto gesetzt und ist in kurzer Zeit durch neun Länder gefahren. Die EU „ist für viele Leute ein abstraktes Gebilde“, meint­e Zechner. Und bei der „Wahlfahrt“ könne man eben „die Menschen kennen lernen, die Europa ausmachen“ und „Europ­a dadurch begreifbar machen“. Die dreiteilige Serie führt in Elendsquartiere in der Ostslowakei, nach Dänemark, wo die Menschen „Luxussorgen“ (Settele) wie Fahrradwege plagen, oder nach Griechenland, wo Existenzprobleme der Einwohner sichtbar wurden. Besonders die Situation in der Ostslowakei beschäftigte Settele lange: „Nur 350 Kilometer von Wien entfernt gibt es Zustände, die ich mir nicht vorgestellt hab­e.“ Auch ein Anhaltezentrum von Flüchtlingen in Athen besuchte das Produktionsteam. Unterlegt mit Musik in Moll und deshalb gezielt Gänsehaut erzeugend, sieht man Bilder von Bootsflüchtlingen, Kindern, die in Sicherheit gebracht werden, Menschen, die hinter den Gittern und dem Stacheldraht der Auffanglanger stehen. Ja, auch das ist Europ­a.

Diese und auch leichtfüßigere Szenen (Settele will in jedem Land ein Lied lernen und eine Wurst essen) gibt’s auf der Facebook-Seite zu sehen. Ergänzt wird die „Wahlfahrt“ noch durch die Online-Seite wahlfahrt.orf.at. Hier gibt’s peppig Daten, Fakten und Bilder zum Thema Europa.

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Denn, betonen die Macher, das Format will „kein­e EU-Werbesendung“ sein, man halte sich im Urteil zurück. So spielt der Vorspann mit den gängigen Klischees und zeigt Glühbirnen, Paragrafen und Stapel von Euromünzen. „Hanno hat den Mut, provokante, aber auch einfache Fragen zu stellen“, beschreibt Sendungsverantwortliche Lisa Totzauer den Zugang des Fahrer-Journalisten. Er habe die Vorurteile eingepackt und den Gesprächspartner hingelegt, ergänzt Settele. Eine Antwort auf alle Fragen habe man aber natürlich trotzdem nicht gefunden. Aber sein Verständnis der EU habe sich erweitert, sagt er weiter und sinniert: „Das Beste wäre, wenn jeder so eine Reise machen könnte.“ Im TV ist es ja möglich.

In der ersten Sendung am 6. Mai nehmen nacheinander der amtierende Parlamentspräsident Martin Schulz und Franziska Keller, europaweite Spitzenkandidatin der Grünen, auf dem Beifahrersitz Platz. Zwei Tage später sitzen die liberale Renata Alt, die in der Slowakei geboren wurde und heute deutsche Staatsbürgerin ist, und der rechte Däne Morten Messerschmidt, der das EU-Parlament abschaffen will, neben Settele. Am 9. Mai sind dann Viviane Reding und Fotio­s Amanatides, ein Deutscher mit griechischen Eltern und Kandidat der Piraten, zu sehen.

Beim Auto handelt sich übrigens um einen Mercedes S280, Jahrgang 1978. „Und sie fährt und fährt“, schmunzelte Settele. Zumindest das stünde einer weiteren „Wahlfahrt“-Auflage nicht im Weg.


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