Revolution der Kinder in einer mechanischen Welt

Boris Charmatz’ eindringliches Tanzstück „enfant“ wurde im Rahmen des Osterfestivals im Innsbrucker Congress gezeigt.

Von Ursula Strohal

Innsbruck –Die Schnur eines Krans fährt aus, bemächtigt sich des Bühnenraums. Zieht bewegungslose Menschen hoch, senkt sie ab, zieht sie hoch. Das Tanztheater des Boris Charmatz hält den Zuschauer gefangen in seiner Intensität und löst verlässlich, als sei es ebenfalls maschinell, Fantasie und Emotion aus. Dann gibt der Kran die Menschen an die nächsten Maschinen ab, einen bebenden Boden und eine Laufwand. An der arbeitet sich ein Sisyphus ab – selbst der Stein, der zurückgeworfen wird. Wenn die Menschen ihre scheinbare Autonomie gewonnen haben, geben sie die Mechanismen an Kinder weiter, regungslose, willenlose junge Menschen mit stillgelegten Sinnen, wie schlafend. Sie werden bewegt, getragen, geworfen, gezerrt, manipuliert, bis sie singend langsam erwachen, ungeheuer Fahrt aufnehmen, durch Imitation und ihre frische Energie den (Bühnen-)Raum erobern und die großen Menschen unterwerfen.

„Enfant“ – „Kind“ – ist das preisgekrönte Stück des französischen Choreografen Boris Charmatz, der seit 2009 das einstige Centre Chorégraphique National in Rennes bespielt, das er „Musée de la danse“ nennt und zum Zentrum seiner innovativen Arbeit macht. Dabei mischt er mit sozialpolitisch-philosophischem Hintergrund die Tanzszene auf und fegt alles Geschmäcklerische von der Rampe. Charmatz erstaunt, verunsichert, verstört und fasziniert. Die „enfant“-Szenen brauchen eine gewisse Länge, bis sie im Zuschauer Assoziation und Erkennen öffnen. Schwarz und maschinengrau ist das Ambiente, die Klangkulisse reicht von Rhythmus und Lärmaggression bis zu einem Dudelsackspieler und Gesang – Kindersingen markiert in Inszenierungen häufig Leidenswege, Aufbruch und Befreiung. Neun erwachsene Tänzer und zehn Kinder aus Rennes, eines bleibt isoliert, transformieren mit aller Härte, wie Menschen mit Menschen umgehen. Bis das Frühlings- Erwachen die erste Generation schwächt. Man mag es die Revolution der Kinder in einer mechanisierten Welt nennen, rasanten Aufbruch und durchaus Momente der Zärtlichkeit geortet haben – die nächste Generation hat die Mechanismen am jungen Leib erfahren und wird das Spiel des Lebens unverändert fortsetzen.

Junge Menschen wachsen heute bewusster mit ihren Gefährdungen auf, in Tempo und Bewegung thematisiert das Stück auch Berührung – aber die muss stattfinden, natürlich, zuwendungsreich, schützend. Die Tänzer des Musée de la danse zeigen Virtuosität ohne Selbstzweck und schaffen den Spagat, auch in optisch harten Momenten ungemein zart und sorgsam mit den Kindern zwischen Vorschulalter und ca. zwölf Jahren umzugehen.


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