Brückenbauerin zwischen Juden und Christen

Nomi Meron musste in ihrem Leben immer wieder von vorn anfangen – das erste Mal mit 14 Jahren, als sie aus Österreich flüchtete. Ein trotz allem versöhnlicher Blick zurück einer lebensfrohen 90-Jährigen.

Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck –Ein Treffen mit Bischof Manfred Scheuer, ein Besuch in der Synagoge, Ehrenläuten bei der Friedensglocke, ein Abend im Haus der Begegnung, wo sie – die „Brückenbauerin zwischen Juden und Christen“ – ihre Geschichte erzählen wird: Wenn Nomi Meron wie jedes Jahr einmal nach Tirol kommt, dann mit dicht gedrängtem Programm. Und trotzdem hat sie Zeit gefunden für ein Gespräch über ein Leben des „starting all over again from the beginning“, wie sie in einem Brief an ihre Enkelin schrieb. Ein Leben, in dem sie immer wieder alles verlor und von vorne anfangen musste, so kurz zusammengefasst ihre Geschichte.

„Ich hieß Hella, Hella Mittler.“ Zu Nomi Meron wurde sie erst später, in Israel, wo es Usus sei, sich einen israelischen Namen anzueignen. Hella Mittler wurde in Wien geboren, als Tochter von Juden. Doch das wurde ihr erst richtig bewusst, als sie und ihre Zwillingsschwester Eva im Gymnasium nicht mehr drangenommen wurden – auch nicht, wenn niemand anderer die Antworten wusste. „Wir merkten plötzlich, dass wir sieben Juden in der Klasse waren, das hatte vorher niemanden interessiert!“ Ganz selbstverständlich hatten die Vorzugsschülerinnen morgens mit ihren Klassenkameraden das Vater unser gebetet.

Was es bedeutete, in dieser Zeit Jüdin zu sein, wurde ihr klarer, als sie die Schule verlassen musste und noch mehr, als sie von Nazis aus der Wohnung geholt wurde. Sie sollte mit einer Zahnbürste Öl- farbe von einem Gehsteig schrubben. Danach überschlugen sich die Ereignisse: Ihr Vater verlor seine Arbeit, sie hatten nichts zu essen, waren plötzlich „Sau-Juden“. Sie sahen ein, dass die Lage untragbar geworden war und sie eine Möglichkeit finden mussten zu fliehen. Für die aus einer kultivierten, Kammermusik pflegenden Familie stammenden Zwillinge bot sich die Möglichkeit, ein Einreisezertifikat nach Palästina zu bekommen, wo junge Menschen für die Landwirtschaft gesucht wurden. Nomi Meron erinnert sich an den erschütternden Abschied von ihren weinenden Eltern. Vielleicht würde es kein Wiedersehen geben.

In einem zu dieser Zeit noch geduldeten Lager für 14- bis 17-Jährige bei Berlin wurden sie auf ihr künftiges Leben vorbereitet – unter vielen Schikanen sadistischer Nazis, die sie bei regelmäßigen „Sauberkeitsinspektionen“ verrostete Pflüge „reinigen“ ließen. „Auch ,Umdrehen auf der Gürtelschnalle‘ machte ihnen Spaß.“ In einer Wiese voller Disteln mussten sie sich – Beine und Arme in der Luft – umdrehen, bis ihre Gesichter zerkratzt waren. „Das war kein Leben mehr, nur ein Überleben.“ Ihr Vater war inzwischen nach Dachau deportiert worden, ein Verwandter aus Amerika konnte ihn aber mit viel Geld freikaufen.

Bevor die Zwillinge mit 14 Jahren nach Triest fuhren und von dort mit dem Schiff nach Haifa weiterreisten, sahen sie ihn noch einmal – entstellt, ohne Haare, ohne Fingernägel. Der Mann, der auf dem Klavier mit der linken Hand das Schubertlied „Wohin“ und gleichzeitig mit der rechten Hand „Die Forelle“ gespielt hatte, durfte nach England ausreisen, wo er – als Deutscher – absurderweise erst einmal eingesperrt wurde. Die Mutter und der Bruder kamen nach. Die Hoffnung, die Familie würde wieder zusammenfinden, erfüllte sich nicht. Die Zwillinge bekamen keine Genehmigung. Erst nach 13 Jahren sollte es ein Wiedersehen in Israel geben.

Nach allem, was in ihrer Heimat passiert war, findet Nomi Meron heute trotzdem versöhnende, entschuldigende Worte, zumindest für das einfache Volk: „Die Menschen haben nicht verstanden, worum es ging, sie wussten nicht einmal, was mit Arier gemeint war. Es war eine Massensuggestion.“

Ihr neues Leben in Palästina war anfangs vor allem ein Kulturschock und geprägt von harter Arbeit in Kibbuzen in der Wüste. Dort, wo es kein Musikinstrument gab, begann Nomi Meron – der Name steht für „angenehm“ und „Musik machen“ – ihr neues Leben. Es war ein Leben voller Verluste und Neuanfänge: Aus dem ersten Kibbuz wurde sie verstoßen, weil sich ein erwachsener Mann in sie verliebt hatte. Sie heirateten Jahre später, doch Lipa starb im Israelischen Unabhängigkeitskrieg, ihr Kibbuz wurde zerstört.

Beim Wiederaufbau traf sie ihren zweiten Mann Isi. Doch weil er im Kibbuz nicht akzeptiert wurde, gingen sie nach Haifa – ein weiterer Neubeginn. Später ging es noch einmal weiter, nach Jerusalem, wo Nomi Meron heute noch lebt. In all den Jahren fand sie zurück zur Musik und machte sich als Dirigentin verschiedener Chöre und Orchester einen Namen. Weil sie mehrere Jahre bei den Salzburger Sommer-Musikhochschulwochen am Orff-Institut des Mozarteums lehrte, wurde der „Kulturvermittlerin“ das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen. Sie hat drei Kinder und spielt auch heute noch Klavier.


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