Ein traumtänzerisches Berührungs-Plädoyer

Im Tanzstück „enfant“ spielen Maschinen mit Menschen und Kinder mit Erwachsenen. Wer das Spiel gewinnt, erklärt Choreograph Boris Charmatz.

Von Christiane Fasching

Innsbruck –Ein Tanzstück mit Kindern – das klingt putzig, das klingt lieb. Und hat rein gar nichts mit „enfant“ zu tun, jenem Stück, das Choreograph Boris Charmatz 2011 für das Festival d’Avignon kreiert hat und das heute im Zuge des Osterfestivals als Tirol-Premiere gezeigt wird. Ein Dutzend Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren teilt sich da die Bühne mit Profis der Companie Musée de la danse – und mit Maschinen, die zu Beginn des Stücks die Bewegungsfäden in den mechanischen Händen haben. Während die Erwachsenen also zu Marionetten der Technik werden, agieren zunächst auch die Kinder wie schlafende Püppchen – bis sich der Spieß umdreht und die Machtverhältnisse durcheinandergewirbelt werden.

Lieb und putzig ist das nicht, soll’s aber auch nicht sein, wie Choreograph Charmatz im TT-Gespräch erklärt. „Ich wollte kein Stück machen, in dem Kinder ausgelassen tanzen und singen. Diese Walt-Disney-Welt hat mich nicht interessiert. Mir ging es darum, mich komplex mit dem Thema Kindheit auseinanderzusetzen, das zusehends von der Politik eingenommen wird“, sprudelt es aus dem 41-jährigen Franzosen heraus. Bei seiner Premiere in Avignon wurde „enfant“ euphorisch bejubelt, sorgte aber auch für jede Menge Irritation. Charmatz verwundert das nicht weiter: „Viele Bewegungen mögen auf den ersten Blick hart und gewalttätig wirken – aber die Tänzer sind Profis, sie können mit dieser Körperlichkeit perfekt umgehen.“ Doch wie schafft man es als Choreograph, die mitwirkenden Kinder zu motivieren, ohne sie unter Druck zu setzen? Charmatz lacht: „Ich musste sie eher demotivieren – weil sie in vielen Szenen ja so tun müssen, als würden sie schlafen. Dabei hätten die Kids viel lieber das ganze Stück durchgetanzt.“ Auf Tour werden die jungen Körperkünstler übrigens von einem Lehrer begleitet, um schulisch auf dem Laufenden zu bleiben. „Es ist ein bisschen wie ein Ferienlager“, schmunzelt Ersatz-Vater Charmatz, der übrigens ein eigentümliches Kind war. „Als ich acht Jahre alt war, habe ich mir Filme von Rainer Werner Fassbinder und Fritz Lang angeschaut und Balzac gelesen. Kinderbücher und Kinderfilme haben mich damals nicht interessiert – meinen ersten Zeichentrickfilm hab’ ich mit 23 gesehen“, blickt er zurück. Und ist bis heute überzeugt, dass man Kindern mehr zutrauen müsste. „In ihrer imaginären Welt ist nicht nur Platz für Harry Potter.“

Charmatz will „enfant“ aber auch als Plädoyer für den Mut zur Berührung verstanden wissen. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele Menschen Angst haben, mit Berührungen etwas falsch zu machen – aber Kinder brauchen Berührungen“, ist er überzeugt. Und ruft dazu auf, „unsere Kinder nicht mit zu viel Furcht zuzuschütten“. Leicht sei das natürlich nicht, das Thema Pädophilie sei schließlich allgegenwärtig, die Angst davor bis zu einem gewissen Grad demzufolge auch verständlich. Für Charmatz ist es aber nicht das einzige Problem, dem Kinder ausgesetzt sind. „Sie stehen in der Mitte unserer Gesellschaft – sie leiden auch unter unseren Sorgen.“

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