Ausstieg aus dem Ausstieg: Japan setzt wieder auf Kernenergie

Vor drei Jahren kam es in Japan in Folge eines Erdbebens und Tsunamis zum schwersten Atomunfall seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Doch die Regierung in Tokio setzt wieder auf die Kernenergie. Die ersten Atommeiler sollen wieder hochgefahren werden.

Arbeiter am Gelände des AKW Fukushima Daiichi.
© REUTERS/Issei Kato

Tokio - Japan setzt ungeachtet der Atomkatastrophe in Fukushima in Zukunft wieder auf Atomenergie. Die rechtskonservative Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe ist endgültig von dem von der Vorgängerregierung verkündeten Atomausstieg abgerückt.

Ein am Freitag beschlossener neuer langfristiger Energieplan definiert Kernenergie als „wichtige Quelle“ zur Abdeckung der Grundlast bei der Energieversorgung. Man werde wieder Atomreaktoren hochfahren, welche die neuen Sicherheitsauflagen erfüllen. Zugleich wolle man „so weit wie möglich“ die Abhängigkeit vom Atomstrom verringern. Zahlen für einen Energiemix gibt es nicht.

Die Atomruine von Fukushima.
© REUTERS/Kyodo

Auch nach einer Rückkehr zur Atomkraft bleibt wohl eine große Zahl der Reaktoren für immer abgeschaltet. Wie eine Analyse der Nachrichtenagentur Reuters ergab, erfüllen mindestens ein Drittel und womöglich sogar rund 60 Prozent aller Anlagen nicht die verschärften Sicherheitsauflagen oder können aus politischen Gründen nicht mehr ans Netz gehen. Es ist daher fraglich, ob der geplante Wiedereinstieg gelingen und welche Rolle die Kernkraft künftig spielen wird.

Vor der Atomkatastrophe in Fukushima in Folge des schweren Erdbebens und Tsunamis vom 11. März 2011 deckte die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt rund ein Drittel ihres Strombedarfs mit Atomkraftwerken ab. Damals sollte dieser Anteil weiter erhöht werden. Derzeit sind alle 50 Akw aus Sicherheits- und Wartungsgründen abgeschaltet. Zum Ausgleich wurden Wärmekraftwerke hochgefahren, weswegen Japan verstärkt Gas, Öl und Kohle importieren muss. Das Ziel, den CO2-Ausstoß um 25 Prozent unter den Wert von 1990 zu senken, wurde bereits über Bord geworfen.

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Eine Reuters-Umfrage bei Atomkraftwerks-Betreibern und mehr als ein Dutzend Experten ergab nun, dass 17 Reaktoren voraussichtlich stillgelegt bleiben. Bei weiteren 17 Anlagen gilt die Zukunft wegen Sicherheitsbedenken oder politischen Gegenwinds als ungewiss. Der Beitrag der Atomenergie zur Energieversorgung könnte damit auch künftig unter zehn Prozent verharren. Damit bleibt die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt weiter abhängig von teuren und klimaschädlichen fossilen Brennstoffen aus dem Ausland.

Wann die ersten japanischen Atomkraftwerke wieder ans Netz gehen, ist nach wie vor ungewiss. Die Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe machte die Pläne seiner Vorgänger, bis 2030 schrittweise aus der Atomenergie auszusteigen, wieder rückgängig. Ein konkreter Zeitplan fehlt jedoch. Einige Energiekonzerne planen intern mit einem Wiederhochfahren in diesem Sommer.

Mit ihrem neuen Energieplan lässt die Regierung Abe die Möglichkeit offen, neue Atomreaktoren zu bauen. Abes Liberaldemokratische Partei LDP steht traditionell der Atomindustrie nahe. Experten in Tokio gehen davon aus, dass von den bestehenden Atommeilern etwa ein gutes Dutzend wiederangefahren werden könnte. Hierzu müssen sie die neuen - nach Darstellung der Regierung weltweit schärfsten - Sicherheitsauflagen erfüllen. Zugleich hält die Regierung Abe an ihrem Vorhaben fest, ein System zur Wiederaufbereitung abgebrannten Atombrennstoffs zu schaffen.

Bisher haben acht Konzerne bei den Aufsehern der Atombehörde NRA Sicherheitsinspektionen beantragt, um insgesamt 17 Reaktoren wieder ans Netz zu bringen. Doch selbst wenn die NRA grünes Licht gibt, fällt die letzte Entscheidung vor Ort, wo neue Unwägbarkeiten lauern. Die Mehrheit der japanischen Bevölkerung ist nach Fukushima und den vielen Pannen bei den Aufräumarbeiten mittlerweile gegen Atomenergie. Viele Bürgermeister hoffen ihrerseits auf das Wiederanfahren der Reaktoren, weil sie auf Arbeitsplätze und Subventionen schielen.

© APA

Japans Stromversorgung wird auch zukünftig auf einem Mix aus Atomkraft, fossilen Energieträgern sowie erneuerbaren Energien basieren. Prozentuale Angaben dazu machte die Regierung in dem neuen Energieplan zwar nicht, da im Moment noch nicht vorhersehbar sei, wie viele Atomreaktoren nach Erfüllung der neuen Sicherheitsauflagen wiederangefahren werden können. In einer Fußnote wurde jedoch vermerkt, dass man den Anteil erneuerbarer Energien bis 2030 stärker ausbauen wolle als im vorherigen Energieplan vorgesehen. In dem Energieplan von 2010 war ein Anteil von 20 Prozent angestrebt worden. (dpa)


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