Hüttenwirt, der Leben rettet

Georg Seger ist seit 30 Jahren Bergretter in Tirol. Auf einem Kurs für Lawinenhunde im Kühtai entschied er, ob sich die Schnüffler für Einsätze am Berg eignen.

Von Miriam Hotter

Kühtai –Georg Seger stützt die Arme in die Hüfte und kneift die Augen zusammen. Er beobachtet seinen „Prüfling“ genau: Ein Schäferhund buddelt im Schnee nach einer vermissten Person. Und da! Plötzlich schaut der Mann, der sich für die Übung im Schnee eingegraben hat, aus einem Loch. „Das hat der Hund gut gemacht. Bestanden“, sagt der 56-Jährige und nickt zufrieden.

Am Donnerstag traten sechs Tiroler Bergretter mit ihren Hunden zur ersten von insgesamt drei Prüfungen in der Lawinenhunde-Ausbildung im Kühtai an. Seger ist seit zwölf Jahren Ausbildungsleiter der Hundestaffel der Tiroler Bergrettung. An die erste Prüfung seines bereits vierten Lawinenhundes Finn im Jahr 2010 kann er sich noch gut erinnern. „Ich war total nervös“, erzählt er. Doch die Aufregung war unbegründet. „Er hat alles mit Bravour gemeistert“, sagt der Hüttenwirt aus Mauern in Steinach am Brenner stolz.

Seit 30 Jahren ist Seger einer von rund 4500 Bergrettern in Tirol. Seinen schlimmsten Einsatz wird er nie vergessen. Er war gerade auf einem Begräbnis im Oberland, als ihn ein Notruf erreichte. „Ich wurde nach Galtür geschickt. Ich wusste nicht, was mich erwartet“, erinnert er sich. Die Katastrophe in Galtür 1999 zählt zu den schlimmsten Lawinenunglücken Österreichs. „Zuerst konnten wir nicht hinein, weil das Wetter so schlecht war. Erst am nächsten Tag flogen wir mit dem Hubschrauber an den Unglücksort“, erzählt Seger. Was er dort sah, lässt ihm heute noch einen kalten Schauer über den Rücken laufen. „Überall waren verzweifelte Menschen. Als wir einen Mann fragten, wo wir suchen sollen, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und sagte ‚überall‘“, erinnert sich der 56-Jährige. Seger und seine Kollegen konnten nur noch Tote aus den Schneemassen bergen. Insgesamt verloren damals 38 Menschen ihr Leben. Mit der Unterstützung seiner Kollegen, mit denen er oft über das Unglück gesprochen hat, konnte Seger die Erlebnisse verarbeiten. „So etwas schweißt zusammen.“

Ans Aufhören hat er nie gedacht. „Dafür liebe ich die Arbeit zu sehr.“ Schon als Kind war Seger immer in den Bergen unterwegs. „Für mich war es das Natürlichste zur Bergrettung zu gehen.“ Zwischen 140 und 150 Einsätze hat der Tiroler bereits hinter sich. Stets an seiner Seite: der fünfjährige Finn, ein tschechischer Hirtenhund der Rasse Chodsky Pes. Mit seiner Hilfe konnte Seger bereits viele Vermisste finden. Erst im vergangenen Jahr wurde in der Zeitung darüber berichtet, dass ein 82-jähriger Steinacher durch die Spürnase von Finn gerettet werden konnte. Im Gegensatz zu Menschen, die besonders gut Fruchtdüfte riechen können, haben Hunde eine höhere Geruchssensibilität für Fettsäuren, wodurch sie Schweißgeruch besser aufspüren können.

Diesen feinen Geruchssinn stellt schon der nächste Hund unter Beweis. Kurz lässt sich Labradorhündin Xena von einem anwesenden Fotografen ablenken, doch sie nimmt die Fährte bald wieder auf. Der Duft des eingegrabenen Würstchens im Schnee scheint doch verlockender zu sein als die Kamera. Xena beginnt zu buddeln, der Schnee fliegt in alle Richtungen. An diesem Tag haben alle sechs Hunde ihre Prüfung bestanden. „Bald können sie Leben retten“, sagt Seger.


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