Geld als treibendes Argument im Kampf gegen den Klimawandel?

Klimaschutz kostet Geld. Wie viel genau? Die Wissenschaftler des Weltklimarats haben darauf eine Antwort für die Politik gefunden. Es geht kostengünstiger als gedacht, sagen sie.

Derzeit wird an der Klima-Langfriststrategie für 2050 gefeilt. (Symbolfoto)
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Berlin - Trotz bedrohlich steigender Treibhausgas-Emissionen sieht der Weltklimarat (IPCC) noch immer eine Chance, die Erderwärmung einigermaßen in den Griff zu bekommen. In ihrem jüngsten Bericht, der am Sonntag in Berlin vorgestellt wurde, empfehlen Wissenschaftler eine schnelle und deutliche Verschiebung von Investitionen: weg von Förderung und Verbrennung von Kohle, Gas und Öl - hin zu klimafreundlichen Energien.

Eine Kernbotschaft lautet, dass dieser Wechsel nicht so teuer ist, wie viele Menschen vermuten. Nach IPCC-Berechnungen schlägt er bei einem Wirtschaftswachstum von 1,6 bis 3 Prozent im Jahr mit einem Minus von rund 0,06 Prozentpunkten zu Buche.

„Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten“, sagte Ottmar Edenhofer, Co-Vorsitzender des aktuellen IPCC-Berichts. Das neue wirtschaftliche Argument sorgte auch bei vielen Umweltschutz-Organisationen für Enthusiasmus. Denn es könne all jene Politiker überzeugen, die durch mehr Klimaschutz eine Schwächung der Wirtschaft ihres Landes befürchteten.

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Greenpeace: „Schwelle zum Durchbruch“

„Das ist die Schwelle zum Durchbruch“, sagte Karsten Smid für Greenpeace. „Wenn man das ernst nimmt, wird es zu einem wirtschaftlichen Umbruch führen.“ Die Technik für erneuerbare Energien sei heute ausgereift, verfügbar und erschwinglich. Als weiteren Vorteil gebe es weniger Luftverschmutzung, was etwa für China bereits jetzt eine große Rolle spiele. Zudem seien die Energien sicherer für Mensch und Natur als beispielsweise Atmokraft.

Bislang ist es ein politisches Ziel, die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu halten - gerechnet im Vergleich zur Temperatur vor der Industrialisierung. In dieser Marge gilt der Klimawandel mit Gletscherschmelze, steigendem Meeresspiegel und Wetterextremen zwar als beherrschbar. Doch die Folgekosten reichen bis hin zu neuen Herausforderungen wie Klimaflüchtlingen.

Bemühungen reichen nicht

Vom Zwei-Grad-Ziel ist die Welt jedoch weit entfernt. Zwischen 2000 und 2010 gab es laut IPCC den stärksten Emissionsanstieg der vergangenen 30 Jahre - trotz vieler Klimaschutz-Bemühungen. Weltweit reichen die Bemühungen einfach nicht. Machen die Staaten weiter wie bisher, kommt der IPCC auf eine Erwärmung von voraussichtlich 3,7 bis 4,8 Grad bis zum Jahr 2100. Um dieses Szenario zu verhindern, müsse die Welt bis Mitte des Jahrhunderts die Treibhausgas-Emissionen um 40 bis 70 Prozent drosseln und bis zum Jahr 2100 nahezu auf Null bringen - so die Empfehlung an die Politik.

Das steht im fünften Klimabericht (Teil 3)

Der Weltklimarat IPCC zeigt im dritten Teil seines neuen Berichtes, wie der Mensch den Klimawandel bremsen kann. Einige Kernpunkte:

Trotz vieler Klimaschutzaktionen steigt der Treibhausgasausstoß weltweit weiter an, und zwar von jährlich im Schnitt 1,3 Prozent in den Jahren 1970 bis 2000 auf jährlich 2,2 Prozent von 2000 bis 2010.

Die Erderwärmung kann auf zwei Grad begrenzt werden, wenn wir deutlich mehr für den Klimaschutz tun. Insbesondere muss die Energieproduktion geändert werden. Das hätte auch direkte Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen und die Ökosysteme.

Ohne zusätzlichen Klimaschutz wird sich die Luft bis 2100 um 3,7 bis 4,8 Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung erwärmen. In Extremfällen können es 2,5 bis 7,8 Grad sein.

Der Kohlendioxid-Ausstoß trug 2010 zu rund 76 Prozent zum menschengemachten Treibhauseffekt bei. Methan war für etwa 16 Prozent verantwortlich, Stickstoffdioxid für gut 6 Prozent und spezielle fluorhaltige Gase für 2 Prozent.

Der rechtzeitige Wechsel auf alternative Energien kostet wenig und schlägt bei einem Wirtschaftswachstum von 1,6 bis 3 Prozent pro Jahr mit einem Minus von jährlich rund 0,06 Prozentpunkten zu Buche. (dpa)

Der jüngste IPCC-Bericht zeige, dass Klimaschutz möglich und finanzierbar sei, betont Samantha Smith von der Umweltstiftung WWF. Wer jetzt sage, das sei zu schwierig oder zu teuer, liege falsch, ergänzte sie. Für Investoren heiße das: „Nimm dein Geld raus aus den fossilen Energieträgern“. Kohle und Gas unter der Erde seien nichts mehr wert, wenn sie politisch nicht gewollt seien - und dazu als ökologischer Wahnsinn gelten würden.

Abgenützte Rhetorik

Skeptischer sieht der deutsche Forscher Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik die Wirkung des aktuellen Berichts - auch mit Blick auf die große Weltklimakonferenz 2015 in Paris. „Politisch hat das nicht viel Überzeugungskraft“, urteilt der Energiepolitik-Experte. Der Report des ehemaligen Weltbank-Chefökonomen Nicholas Stern, der Klimaschutz bereits 2006 als wirtschaftlich sinnvoll einstufte, habe in der politischen Praxis nicht viel verändert. Der neue Bericht wiederhole die „Fünf-vor-zwölf-Rhetorik“ früherer IPCC-Reporte, kritisierte Geden. Diese Botschaft nutze sich für Politiker ab. (dpa)


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