Entgeltliche Einschaltung

1914/2014 - Ukraine erinnert sich nicht mehr an ihre Geburt

Wien/Lwiw (Lemberg) (APA) - Für die Ukraine ist der Erste Weltkrieg von epochaler Bedeutung. Als „lachende Dritte“ im Konflikt zwischen Mitt...

  • Artikel
  • Diskussion

Wien/Lwiw (Lemberg) (APA) - Für die Ukraine ist der Erste Weltkrieg von epochaler Bedeutung. Als „lachende Dritte“ im Konflikt zwischen Mittelmächten und Russland erhielten die Ukrainer ihren ersten eigenen Staat. „Wenn Nationen einen Reisepass hätten, würde im ukrainischen das Geburtsjahr 1914 stehen“, sagt der Lemberger Historiker Jaroslaw Hrystak im APA-Gespräch. „Aber wer erinnert sich schon an den Tag seiner Geburt?“

„Der Erste Weltkrieg ist praktisch nicht existent im kollektiven Gedächtnis der Ukraine“, betont Hrystak. Der Hauptgrund dafür sei, dass die damaligen Ereignisse „davon überschattet werden, was später geschehen ist“. Der russische Bürgerkrieg, die Hungersnöte der Zwischenkriegszeit und schließlich der Zweite Weltkrieg seien - auch von den Opferzahlen - viel prägender für die Ukraine gewesen als der Erste Weltkrieg. Dieser werde nur als Teil eines drei Jahrzehnte dauernden Abschnittes wahrgenommen, in dem die Ukrainer „zu überleben versuchten“. Insgesamt seien zwischen 1914 und 1945 jeder zweite Ukrainer und jede vierte Ukrainerin „eines gewaltsamen Todes gestorben“.

Entgeltliche Einschaltung

Stärker im historischen Bewusstsein sei der Erste Weltkrieg in der Westukraine, aber auch dort nur „die letzten zwei Wochen vor dem Waffenstillstand“, wegen der polnisch-ukrainischen Kämpfe um Lemberg (Lwiw). Im früheren österreichischen Kronland Galizien „erinnert man sich an die Monarchie, aber nicht an den Krieg“, erläutert Hrystak. Die Donaumonarchie gelte in der Westukraine auch heute noch als „Oase der Stabilität“ und Symbol dafür, dass man „schon einmal zu Europa gehört hat“. Dabei werde auch vergessen, dass sich in Galizien während des Krieges „ein ganz anderes Bild bot“.

Hrytsak betont, dass der Erste Weltkrieg „ohne Zweifel“ die Geburtsstunde für die Ukraine gewesen sei. Die beiden verfeindeten Machtblöcke hätten nämlich bewusst den ukrainischen Nationalismus im gegnerischen Lager geschürt, um es zu schwächen. „Österreich-Ungarn und Deutschland setzten gegen Russland auf die nationale Karte, da die Ukrainer die zweitgrößte Volksgruppe im Russischen Reich waren, und Russland auf die sogenannte „russophile Bewegung“ im österreichisch-ungarischen Reich“, erläutert der Historiker. „In diesem Krieg war der ukrainische Nationalismus der lachende Dritte.“

TT-ePaper 4 Wochen gratis lesen

Die Zeitung jederzeit digital abrufen, ohne automatische Verlängerung

Wegen ihrer großen menschlichen und natürlichen Ressourcen war die Ukraine von immenser Bedeutung für beide Lager. „Die Ukrainer waren die zweitgrößte Gruppe in der russischen Armee und die fünftgrößte in der österreichisch-ungarischen“, sagt Hrystak. Das Land galt zudem als „Kornkammer Europas“, und das Deutsche Reich hatte es ganz besonders auf Galizien abgesehen, wo sich damals die größten Erdölvorkommen Europas befanden.

Entsprechend versuchten die Deutschen nach der Oktoberrevolution 1917, eine von St. Petersburg unabhängige Ukraine zu etablieren. „Sie ermunterten die Ukrainer, die Unabhängigkeit von Russland zu erklären“, sagt Hrystak. Im Februar 1918 schlossen die Mittelmächte einen „Brotfrieden“ mit der Ukraine und kamen so an dringend benötigte Lebensmittellieferungen. Ironischerweise seien die Anführer des von den Mittelmächten militärisch unterstützten Staates „keine wirklichen ukrainischen Patrioten“ gewesen. Der im April 1918 eingesetzte Staatschef Pavlo Skoropadskij, ein ehemaliger Offizier der zaristischen Armee, habe die Ukraine nämlich nur als „Zwischenlösung“ auf dem Weg zur Wiedererrichtung des russischen Zarenreiches gesehen.

Somit war die damalige Ukraine „nicht so sehr gegen Russland gerichtet als gegen den bolschewistischen Staat“, meint der Historiker. Entsprechend war die Kiewer Führung bestrebt, die Grenzen der Ukraine möglichst weit auszudehnen. „Es ging ihnen nicht um die Volkszugehörigkeit, sondern um die Grenzen.“ So war auch die Angliederung der mehrheitlich russischsprachigen Krim „nur natürlich“, da die Halbinsel geografisch eine Einheit mit der restlichen Ukraine bildete.

Letztlich arrangierten sich auch die Bolschewiken mit dem ukrainischen Nationalismus. Nur so sei es möglich gewesen, „dieses Gebiet unter Kontrolle zu bringen“. Zum Ende des Weltkrieges und danach hätten sich nämlich zahlreiche Armeen auf ukrainischem Territorium befunden, „die russische weiße und rote Armee, die deutsche, österreichische, französische, rumänische Armee sowie eine Bauernwehr, aber auch Partisanen“, zählt der Historiker auf. Weil sie anders als die Weißen zu einem Kompromiss mit den Nationalisten bereit waren, hätten sich die Bolschewiken im Bürgerkrieg durchgesetzt.

Tatsächlich war die Ukraine der einzige Teil des Russischen Reiches, in dem bei den ersten demokratischen Wahlen nach dem Sturz des Zaren nationalistische Parteien eine Mehrheit erhalten hatten. Nicht einmal im Baltikum sei dies der Fall gewesen, betont der Historiker, der kürzlich auf Einladung des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) in Wien war.

(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)


Kommentieren

Entgeltliche Einschaltung