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Mercedes-Boss Wolff: „Intrigiert wird jeden Tag“

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff (42) nahm sich vor dem Barcelona-Grand-Prix Zeit für die TT und sprach über Erfolg, Humor und Image.

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Mit Lewis Hamilton und Nico Rosberg feierte Toto Wolff vier Sieg in den ersten vier Saisonrennen.
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Vier Formel-1-Rennen, vier Siege – hätten Sie sich das jemals erwartet?

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Toto Wolff: Nein. Von solchen Ergebnissen kann man nicht ausgehen. Außer Red Bull hat in den vergangenen zehn Jahren niemand so einen Lauf gehabt. Von vier Siegen, davon drei Doppelsiegen, auszugehen, das wäre Träumerei gewesen. Gleichzeitig haben wir uns die Latte jetzt sehr hoch gelegt. Aber wir sind realistisch: Wir werden nicht immer Rennen gewinnen und schon gar nicht mit zwei Fahrern. Wir müssen den Lauf mitnehmen, ohne vom Boden abzuheben.

Generell heißt es: Zu viele Köche verderben den Brei. Bei Mercedes sind viele Köche am Werk. Warum funktioniert es trotzdem?

Wolff: Weil es ganz klar abgegrenzte Aufgabenbereiche gibt. Die früheren Strukturen mit nur einer Sonne an der Spitze sind nicht mehr zeitgemäß. Niki Lauda hat eine überwachende Rolle, aber ist nicht volloperativ ins Tagesgeschäft involviert. Paddy Lowe ist unser Technikchef, ihm unterstehen die Ingenieure, und ich mache den Rest. So sind unsere Rollen klar abgegrenzt und niemand steigt dem anderen auf die Füße. Wir sind keine Fußballmannschaft von Sechsjährigen, die wie ein Knäuel dem Ball nachläuft. Gleichzeitig tauschen wir uns jeden Tag sehr stark aus.

Erfolgreiches Mercedes-Duo: Niki Lauda und Toto Wolff.
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Wann wurde die Basis für den jetzigen Erfolg gelegt?

Wolff: Ich kann es auf drei Phasen eingrenzen: Die erste war im Sommer 2012, als das Team begriffen hat: Wir kommen so nicht weiter. Man hat den Windkanal umgestellt und im Bereich Aerodynamik in fähige Personen investiert. Der zweite große Meilenstein war das Verständnis, dass man in weitere Ressourcen investieren muss wie die anderen Top-Teams und nicht nur mit 50 Prozent der Großen zu hantieren. Das war zu Beginn meiner Zeit, im Jänner 2013. Es ging aber nicht nur um das Geld, sondern auch darum, diese Ressourcen besser zu nützen. Der dritte Schritt war rund um den Eintritt von Paddy Lowe, als wir noch eine Handvoll Leute ins Team geholt haben, die jetzt wie ein Zahnrad ins andere greifen. Es war ja auch schon zuvor eine gute Truppe, die aber nicht mit den richtigen Mitteln arbeiten konnte.

In Österreich wird beim Mercedes-Erfolg immer das Duo Lauda/Wolff genannt.

Wolff: Bei uns wird der rotweißrote Aspekt gespielt, weil wir keinen Fahrer haben. Das macht uns stolz. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen: Was wir tun, sind Managerfunktionen und nicht mehr.

„Intrigiert wird jeden Tag“ – wie ist Ihr Zitat zu verstehen?

Wolff: Es gibt zwei grundlegende Unterschiede zwischen einem Formel-1-Team und einem normalen Unternehmen: Jede unserer Handlungen steht unter einem Medienmikroskop, jede Entscheidung wird tausendfach in die Welt transportiert. Das ist das eine. Und der zweite Unterschied ist, dass unser Mikrokosmos sich in einem Fahrerlager von 500 mal 120 Meter abspielt und dort alle – Konkurrenten, Kunden und Mitarbeiter – zusammentreffen. Da spielen die Politik und die Intrigen eine große Rolle. Aber so ist das, dessen muss man sich bewusst sein. Man lernt, wann und mit wem man worüber spricht.

Am Saisonbeginn haben Sie gesagt, dass Mercedes das Image durch die Formel 1 verändern möchte. Ist das schon geschehen?

Wolff: Jeder Sieg bringt einen Mehrwert für das Unternehmen. Die Marke wird dynamisch, innovativ und erfolgreich präsentiert. Insofern sind diese Siege sehr wichtig. Auf der anderen Seite interessiert die Zeitung von gestern niemanden mehr. Darum muss unser Anspruch sein, das Top-Level zu halten.

Lässt sich der Werbewert in Geld aufwiegen?

Gut gelaunte Wegbegleiterin: Toto Wolff mit Ehefrau Susie.
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Wolff: Da gibt es ganz präzise Zahlen, die aufzeigen, wie viel medialen Gegenwert die Marke generiert. In den ersten vier Rennen betrug dieser Wert rund 70 Millionen Dollar. So macht die Formel 1 auch kaufmännisch Sinn.

Geld allein ist aber nicht alles, siehe das Scheitern von Toyota oder Honda.

Wolff: Es gibt einen essenziellen Faktor, den man mit Geld nicht kaufen kann, und das ist Zeit. Die großen Teams, Honda oder Toyota, haben sich nicht die Zeit gegeben, um sich richtig aufzustellen. Mercedes hat sich sehr wohl die Zeit gegeben. Und so konnten die vielen einzelnen Faktoren – Piloten, Technik, Mitarbeiter, Budget usw. – zusammenwachsen.

Was ist das Geheimnis Ihrer vielerorts gelobten Mitarbeiterführung?

Wolff: Kernthema jedes Rennstalls ist, die Struktur des Unternehmens, die Stärken und Schwächen der Organisation und der Mitarbeiter richtig einzuschätzen. Diese Bestandsaufnahme ist ein sehr dynamischer Prozess. Es gibt jeden Tag neue Herausforderungen und Veränderungen, die man analysieren und umsetzen muss. Das Zauberwort heißt zuhören.

Politik, Budget, WM-Titel: Bleibt der Humor da auf der Strecke?

Wolff: So ernst es auch nach außen hin aussieht, das Lachen in einem Unternehmen ist sehr wichtig. Wenn wir es erreichen, dass die Mitarbeiter am Wochenende lieber arbeiten gehen, als zu Hause zu sitzen, dann haben wir gewonnen. Insofern ist der Humor ein Bestandteil unserer Unternehmenskultur. (lacht)

Wird Red Bull bald wieder gefährlicher?

Wolff: Das Auto ist gut. Man muss mit vorschnellen Analysen aufpassen. Der Red Bull war in China der langsamste Renault auf den Geraden, dafür in den Kurven schneller. Wir haben die Werte verglichen und waren in den meisten Kurven gleich gut oder sogar schneller. All das ist am Ende akademisch. Es geht einfach um das schnellste Paket und die schnellste Rundenzeit.

Das Gespräch führte Daniel Suckert


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