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Im Leben sind wir mutig und höhentrainiert, aber das Thema EU fürchten wir. Warum eigentlich?

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Von Verena Ringler

IPhones und Prüfungen, Websites programmieren und Twintip Skier, Postbus und Samstagabend. All das verstehen wir. All das können wir mit Freunden besprechen. Wir kennen die Apps. Wir verhandeln darüber, wie wir’s angehen. Wir treffen Entscheidungen, machen Kompromisse, geben und nehmen. Im Großen unterschreiben wir drei Dinge: Erstens, wir wollen uns auskennen im Leben. Zweitens, na klar sind wir beziehungsfähig. Drittens, wir stehen auf Innovation.

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Und dann quatscht so einer über Europapolitik. Am Pult, im Radio, am Nachbartisch. Wir verspüren unmittelbar den Drang zu gähnen, jetzt erahnen wir, was Omas niedriger Blutdruck bedeutet, wir wollen den Sprecher und seine Organigramme wegwischen wie eine Fliege vom Handgelenk. EU, ein graublauer Schwamm im Hochformat. Eben haben wir im Vereinslokal noch virtuos über E-Bikes doziert. Doch hören wir von der EU, dann zerfallen wir zu Staub.

Überall wissen wir es, nur bei der EU wissen wir es nicht: Wer die Guten und die Bösen sind. Welche App uns als Einstiegsschneise für diesen Schneehang dient. Was wir mit einem finnischen Eis-Angler teilen (sollen? müssen?). Was diese Organigramme mit unserer Jobsuche zu tun haben. Wenn der jetzt weiterfragen würde, was einen Bürger zum Unionsbürger macht, oder was so ein Stimmbürger wählen kann, oder was den Europarat vom Europäischen Rat unterscheidet, oder was überhaupt der Staat ist und wie der sich organisiert und wie man da als kleiner Maxi irgendetwas verändern kann und ob das dann EU ist oder Österreich: Dann wäre jetzt Sense. Ofen aus. Keine. Ahnung. Wir würden wiedergeben, was wir schon mal bei Dancing Stars gehört haben und was sogar clever klingt: dass wir uns von Politik bewusst fernhalten, weil sie uns zu schmutzig ist. Auf Nachfrage würden wir den Joker ziehen und in die Runde fragen, warum wir nicht die Schweiz sind. Wahr ist: Wir haben keine Ahnung.

Wahr ist auch: Wir müssen gar nicht viel Ahnung haben, um uns grundsätzlich auszukennen. Wir finden ja auch die Idee des Pannendienstes gut, ohne das Organigramm des ÖAMTC zu kennen. Halt. Bei der EU kommen wir erst gar nicht zum Organigramm, wir stolpern schon vorher und fragen uns: Was ist uns die EU, wenn kein Pannendienst?

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Unerzählter Zauber

Die Voraussetzung dafür, dass wir in unseren Autos sitzen und Pannen haben können, lautet die Antwort. Nur, so existenziell wurde uns Politik nie erklärt. Eben weil der Krieg – die Frage nach der Existenz – in den Knochen unserer Omas und Opas gesessen ist, wollten sie und ihre Kinder uns die Demokratie mit harmlosen Organigrammen aus Halbkreisen, Linien und Pfeilen näherbringen. Die glitten uns flugs so weit weg wie der Planet Jupiter.

Wir übersahen, dass den Organigrammen ein Zauber innewohnt.

Bis in die Leben vieler unserer Großeltern, das müssen wir einmal einspeichern, war das eigene Leben Teil der nationalen Verhandlungsmasse. Die Nation rief, der Mann musste einrücken, wurde vielleicht totgeschossen. Das hätte uns genauso passieren können. Doch die Organigramme und das, was sie verkörpern, haben unsere Leben gerettet. Auf hohem Niveau sogar. Klar, so sagt das niemand, eine Übertreibung muss das sein, idealistischer Topfen, eine gekaufte Autorin!

Von vorne. Unsere Institutionen und Kommissionen sind kompliziert – zum Glück! –, weil sich Menschen, die unsere Brüder oder Tanten sein könnten, in langen Nächten bei schalem Automatenkaffee gemeinsam dahin gearbeitet haben, die vielen Millionen Leben in Europa blank zu garantieren.

Wir dürfen, so wie wir heute hier stehen, unsere Leben leben. Mehr noch – wir sind frei und können planen, was wir morgen lernen oder kaufen oder verdienen, beanstanden oder verändern möchten. Drei Flugstunden weiter ist das schon anders. Wir hier haben Kataster und Kliniken, Schengen, Visa und geheizte Lehrsäle, Betriebsrat und Mieterschutz, viele Rechte, relativ wenige Pflichten. Niemand darf uns diskriminieren aufgrund ethnischer Zugehörigkeit, der Religion, einer Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Orientierung – oder weil wir Frauen sind. Das bringt die europäische Gemeinschaft zustande. Sie treibt nach vorne. Diese Einsicht allein muss schon reichen, um wählen zu gehen: dass zu viel EU nicht dumm ist, wie es auf manchen Plakaten steht, sondern dass wir als normale Menschen gar nie genug EU haben können. Dass die EU – egal, welche und wie viele konkrete Vorschläge wir völlig zu Recht ablehnen – dass also die EU an sich, mit ihrem orchestralen und todlangweilig scheinenden Regelwerk, unsere Leben möglich macht.

Zweitens war da unsere Beziehungsfähigkeit. Wir wollen die eigene Wohnung, kommen dafür zur Familienfeier, bringen jemanden zum Bahnhof, wir geben, wir nehmen, wir richten uns im Leben ein. Wir können das. Wer es nicht kann, der frettet sich als Commitment-Phobiker durchs Leben oder hat mal ein Jahrzehnt Sendepause mit zuhause, und wird’s dann eben minimal, wackelig oder spät: ein beziehungsfähiger Mensch.

Beziehungsfähigkeit

Um was geht es bei der EU? Um gute und schlechte Zeiten, um die Verlässlichkeit einer Großfamilie, die das Auf und Ab einzelner Mitglieder ausgleicht und aushält. Wenn alle ihre Stärken und Spinnereien haben, wenn es heute kracht und wir morgen wieder am selben Tisch sitzen, wenn wir schauen, was uns eint, bevor wir beäugen, was uns trennen könnte, wenn wir einen großen guten Spielraum und einen kleineren erträglichen Kompromissraum haben, wenn wir das Ganze nicht täglich in Frage stellen und damit kaputtreden, dann sind wir beziehungsfähig. Und europareif.

Drittens, wir stehen auf Innovation. Wir navigieren durch die App-World, wir kaufen uns die neuesten Trekking-Schuhe, wir lesen jetzt schon das 2015er-Horoskop, und bei der EU? Da kuscheln wir uns zusammen, um nicht all diese Innovation aushalten zu müssen, da pfeifen wir auf Grenz­erfahrung, vergessen unser Höhentraining. Wollen wir Zukunft? Oder bloß Goretex?

Noch einmal. Wir wollen uns auskennen, und üblicherweise tun wir einiges, um das zu erreichen. Wir sind beziehungsfähig und das ist gut so. Wir stehen auf Innovation und lassen uns das gerne was kosten. All das bietet das geeinte Europa: Es ist ein herausfordernder, aber lohnender Gletscher. Man muss nicht hinauf, um seinen Wert zu schätzen. Man kann Pragmatiker und Realist sein, um seinen Wert anzuerkennen. Die EU ist eine Gemeinschaft, wo es keinen Rausschmiss gibt. Wie erfrischend in Zeiten von Patchwork-Familie und Zeitarbeit. Und schließlich gilt der Bauplan der EU, Stichwort Souveränitätsteilung, als Meisterwerk politischen Weitblicks, als passend für unsere komplexe, globale Zeit. Als erdbebensicheres Haus, das mit dem Sturm mitschwingt, statt zu zerbrechen.

Wir müssen die EU weder im Detail verstehen noch ihr huldigen. Wir müssen sie nicht aus moralischen Gründen gut finden. Aber aus sachlichen. Das geeinte Europa war nach Hitler nicht nur unser aller handfester politischer und wirtschaftlicher Neustart. Sondern der einzig mögliche. Und dass ausgerechnet diese prozentual und realpolitisch höchst unwahrscheinliche Option unseren Kontinent nicht nur buchstäblich wieder hochgefahren hat, sondern das auch noch nachhaltig bis in die Wiegen unserer Urenkel hinein, das könnten doch selbst wir stolzen Sturschädl bemerkenswert finden.


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