WM 2014

Griaß di in Dreizehnlinden! Das brasilianische Tirol blüht auf

Im Oktober 1933 von Tiroler und Vorarlberger Auswanderern gegründet, ist „Treze Tilias“ heute ein Fremdenverkehrsort mit 7000 Einwohnern. Vor allem bei den Brasilianern kommt das Alpenflair im Dschungel gut an.

Von Edgar Schütz/APA

Florianopolis – Ende September 2013 in Dreizehnlinden. Es ist regnerisch, kühl, fast kalt. Claudia vom Hotel Alpenrose ist trotzdem gut aufgelegt. „Unser Ort feiert am 13. Oktober sein 80-jähriges Bestehen. Das gibt ein großes Fest, oder?“ Eigentlich sagt Claudia ja „Fescht“ und „odr“, was inmitten des Alpenbarocks der Häuser nicht sehr verwundert. Bloß: Der Ort heißt Treze Tilias und liegt in Südbrasilien.

Auswanderer machten Bergflecken urbar

„Österreicher im Urwald“ wurde daher auch ein 1993 erschienenes Buch über Dreizehnlinden betitelt. Darin ist nachzulesen, dass Tiroler und Vorarlberger zum Kern jener Emigranten zählten, die 1933 unter der Leitung des früheren Landwirtschaftsministers Andreas Thaler den Bergflecken im Bundesstaat Santa Catarina urbar machten. Brasilien bewarb damals die Einwanderung von Landwirten, auch weil durch die Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert das Riesenland schwer zu bestellen war.

Thaler wiederum hatte schon länger Pläne gehegt, Bergbauern aus dem verarmten Österreich nach Südamerika umzusiedeln und dort eine genossenschaftlich organisierte katholische Siedlung zu errichten. Ständestaat-Bundeskanzler Engelbert Dollfuß unterstützte das Vorhaben auch finanziell, emigrierten mit den Bauern doch auch Not und Elend.

Thaler hatte schon Paraguay und Argentinien besucht, ehe er in Brasilien fündig wurde. Auch den Namen betreffend. In einer Bibliothek in Porto Alegre entdeckte er einen deutschsprachigen Roman von Friedrich Wilhelm Weber mit dem Titel „Dreizehnlinden“. Der Entschluss war damit gefasst.

Thaler war der Spiritus Rector für die 86 Pioniere (bei weiteren 13 Transporten kamen insgesamt rund 749 Österreicher hierher), die das Land zu Fuß oder mit ein paar einfachen Ochsenkarren für sich in Beschlag nahmen. In Dreizehnlinden gab es anfangs kein Geld, vielmehr verteilte Thaler Gutscheine. So hatte er alles besser unter Kontrolle. Der Minister mit dem signifikanten Rauschebart starb 1939 bei einem Hochwasser.

Reibereien mit Indianern

Einer der Pioniere war der Bruder von Sebastian Stöckl, der wenig später als Neunjähriger von Oberndorf gemeinsam mit den Eltern und zahlreichen Geschwistern nach Brasilien nachzog. Der heute 87-Jährige wohnt noch immer mit seiner Frau Theresa in einem kleinen Haus gleich hinter der Kirche. Er erinnert sich, dass es anfangs Reibereien mit Indianern gab, die das Land als Jagdgebiet nutzten. „Noch lange sind da Pfeile umadumg‘legen.“

Und wenn „Wastl“ und Theresa dann abends in der Küche mit Elfriede („Frieda“) Felder zusammenhocken, wird so manche Anekdote von früher ausgepackt. Etwa vom Kaufmann-Fritzl und dem Knolseisen-Sepp, die keiner Rauferei aus dem Weg gingen, oder einem besonderen Schluckspecht, dem die falschen Zähne ins Plumpsklo fielen, weil er beim Kirchfest nicht nur ein Glas zu viel getrunken hatte. Mitunter gab es bei Hochzeiten zu später Stunde auch Schüsse, oder es wurde das Messer ausgepackt. Trotzdem: „Schön war‘s“, sagt der alte „Wastl“, der nie nach Tirol zurück wollte: „Einmal war ich noch drüben, aber ich bin lieber in Brasilien. Man passt dort nicht mehr richtig dazu.“

Erholungsort mit 7000 Einwohnern

Obwohl: Lange war Dreizehnlinden arm. 1969 aber kam Pfarrer Gottfried Otto Küng nach Treze Tilias. Und mit ihm eine gehörige Portion Tatkraft und Innovationsgeist. „Der Pfarrer Küng hat Dreizehnlinden in‘d Hech brocht“, ist Theresa Stöckl noch heute voller Bewunderung. Der aus Vorarlberg stammende Gottesmann gründete gegen erheblichen Widerstand die Molkerei „Tirol“. Heute ist sie eine der größten in ganz Brasilien.

Küng blieb bis 1980. 2012 verstarb er in seinem Heimatort Bludenz. Den Dreizehnlindenern hatte er aber auch beigebracht, dass man mit dem Fremdenverkehr Geld verdienen kann, und so wichen die pittoresken aber doch ärmlichen Holzhütten von früher bald steinernen Tirolerhäusern, die gerade bei brasilianischen Gästen sehr beliebt sind. „O Tirol brasileiro“ („Das brasilianische Tirol“) - auf 800 Metern Höhe gelegen - wurde vermarktet und ein gefragter Erholungsort mit 7000 Einwohnern.

„Heute geht es allen gut“, meint Frieda Felder. Sie hat das österreichische Brauchtum immer gepflegt. Das war vor allem ab dem Zweiten Weltkrieg schwierig, weil die deutsche Sprache verboten wurde. Die 77-Jährige war dennoch jahrelang treibende Kraft bei den „Schuhplattlern“. Diese führt heute ihr Sohn Erwin. Er arbeitet auch im Tourismus und findet es ganz normal, seine Gäste mit „Griaß di“ willkommen zu heißen und mit einem zünftigen „Pfiat di“ wieder zu verabschieden. Erzählt er vom vergangenen Winter, sagt er: „Hin und wieder hat‘s gschniebn.“

Sprache ging größtenteils verloren

Allerdings sind die Felders eher die Ausnahme der Regel. Selbst wenn die Musikkapelle Melodien schmettert, die einem Frühschoppen in der Wildschönau alle Ehre machen würden, heißt sie bereits „Banda dos Tiroleses“. Und nicht jeder Trompeter mit Gamsbarthut spricht auch wirklich Deutsch. Über die Generationen ist die Sprache großteils verloren gegangen, zumal in Treze Tilias heute auch Brasilianer und Nachfahren anderer Emigranten (etwa aus Italien) wohnen.

Daher war das zehn Tage lange dauernde Jubiläumsfest nicht nur Tirolerisch. Das störte Frieda Felder etwas. Aber weil sie kein Gehör fand, kümmerte sie sich eben auf eigene Faust um das österreichische Erbe. In allen Facetten. Im Ortsteil Babenberg steht ein Denkmal für den Ständestaat-Kanzler. Es wurde 1959 zum 25. Jahrestag der Gründung der „Kolonie Babenberg“ zu „Ehre und Gedenken der Bauern an den Gründer und Schutzherrn Dr. Engelbert DOLLFUSS“ errichtet, wie auf einem Schild zu lesen ist.

Der portugiesische Text auf einer Steinplatte war bereits verwaschen und kaum noch zu lesen. Vagner (ein in Brasilien geläufiger Vorname) Thaler hat die Schriftzüge aber vor dem großen „Fescht“ in Gold erneuert. Seine Oma Frieda hatte ihn darum gebeten.

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