Land unter – für immer

Kivalina in Alaska bekommt die Klimaerwärmung hautnah zu spüren. Das Meer frisst den Bewohnern den Boden unter den Füßen weg, Österreicher versuchen nun zu helfen.

Von Irene Rapp

Innsbruck –Bis vor ein paar Jahren war die Welt im Nordwesten von Alaska, 80 Kilometer nördlich des Polarkreises, noch mehr oder weniger in Ordnung: 400 Menschen leben in Kivalina, einem Dorf an der Spitze einer langgestreckten Insel, die kaum zwei Meter über dem Meeresspiegel liegt. Bis vor ein paar Jahren waren die rund 100 Häuser die meiste Zeit des Jahres von Packeis umgeben und die Temperaturen fielen im Winter bis auf minus 50 Grad.

Die Dorfbewohner – Eskimos, Angehörige der Inupiat – lebten hauptsächlich von der Jagd auf Wale, Rentiere und Robben. Doch dann begann sich ihre Welt zu verändern. „Die Eiszeiten wurden kürzer, die Stürme heftiger, der Meeresspiegel ist angestiegen. Dadurch gibt es mehr Brandung, das Land wird zunehmend abgetragen“, erzählt die Publizistin und Künstlerin Claudia Eipeldauer.

Jahr für Jahr rückt das Meer so näher an die Häuser heran, gleichzeitig wird die Jagd auf Wale und Robben aufgrund des dünner werdenden Eises erschwert. „Nach neuesten Berechnungen könnte der Ort 2025 überschwemmt sein“, weiß Eipeldauer, dass der Countdown hier längst begonnen hat.

2012 war die Wienerin mit drei Kollegen zwei Wochen lang selbst in Kivalina. „Mit Abstand der abgelegenste Ort, an den ich je gereist bin“, beginnt sie zu erzählen. Das „Alaska Design Forum“ hatte Eipeldauer als Mitglied der Wiener Künstlergruppe „Wochenklausur“ – die mit ihrer Arbeit Veränderungen in der Gesellschaft initiiert – eingeladen. Seit Jahren steht nämlich die Umsiedlung des Dorfes im Raum, passiert ist bislang allerdings noch wenig.

TT-ePaper gratis testen und eine von fünf Snow Cards Tirol gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt mitmachen
TT ePaper

Zum einen, weil das Ganze mit großem finanziellen Aufwand verbunden ist. Zum anderen aufgrund der prekären sozialen Bedingungen: „Die Menschen sind großteils arbeitslos, die Selbstmordrate vor allem unter Jugendlichen ist hoch, die Lebensbedingungen sind katastrophal“, erzählt Eipeldauer u. a. davon, dass es in den privaten Häusern weder Fließwasser noch Toiletten gibt.

Dementsprechend skeptisch waren die Bewohner von Kivalina, als die Österreicher vor zwei Jahren mit ihnen über ihre besondere Lebenssituation sprachen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die vormals als Halbnomaden lebenden Inupiat hier durch den Bau einer Schule mehr oder weniger zwangsangesiedelt. „Jetzt haben sie wieder das Gefühl, man fährt über sie drüber“, so Eipeldauer.

Die Menschen vor Ort in den Entscheidungsprozess einzubinden, ist daher ein Anliegen des Projekts „Re-Locate Kivalina“. Und weil es mit der Umsiedlung der rund 400 Einwohner noch Jahre dauern kann, will man vorerst die Lebensbedingungen der Menschen auf der schwindenden Insel verbessern. „Aus Österreich arbeiten z. B. die ‚Architekten ohne Grenzen‘ sowie Studenten der Universität für Bodenkultur Wien mit.“

Die einen erarbeiten Pläne für ein „Re-Location Center“, in welchem die Menschen vor Ort ihre Zukunft planen und mitbestimmen können. Die anderen arbeiten an Biokohle-Toiletten, damit die Bewohner bald nicht mehr auf dem „honey bucket“ – einem speziellen Eimer – ihre Notdurft verrichten müssen.

Insgesamt sind weltweit rund 40 Wissenschafter eingebunden, um an Lösungen für Kivalina zu arbeiten. Wobei die gesammelten Erfahrungswerte auch anderen zugute kommen sollen: „Man schätzt, dass in Alaska ein Dutzend Orte rund um den Polarkreis von der Klimaerwärmung ernsthaft betroffen ist“, sagt Eipeldauer.

Wie bewusst den Menschen jedoch ihre Lage ist, machte folgende Aktion der Gemeinde im Jahr 2008 deutlich: Da verklagte Kivalina große Öl- und Energieunternehmen, die seiner Meinung nach verantwortlich für den Klimawandel sind. „Die Klage wurde allerdings abgewiesen“, weiß die Künstlerin.

Das Projekt hat die Künstlergruppe „Wochenklausur“ mittlerweile an das Netzwerk „Re-Locate Kivalina“ übergeben, Eipeldauer allerdings ist weiter im Einsatz. Ein Engagement, das nicht zuletzt auf ihren Besuch dort zurückzuführen ist. „Ich habe gesehen, welche Auswirkungen die Klimaerwärmung hat. Ich möchte daher mit meinem Wissen und meinen Möglichkeiten dazu beitragen, dass es den Menschen dort besser geht.“


Kommentieren


Schlagworte