Literatur

Eine Schutzschicht gegen die Erinnerungen

© Jürgen Bauer

Ulrike Draesner schreibt einen berührenden Roman über das Erbe der traumatisierten Kriegsgeneration und über die Grausamkeit der Primaten.

Von Brigitte Warenski

Innsbruck –Wenn Eustachius Grolmann seinen Bonobo-Affen Vlek „an der magischen Leine einer weiß strahlenden Klopapierrolle“ nach Hause führt, sind Mensch wie Tier glücklich. Der 83-jährige Verhaltensforscher flüchtet sich in die scheinbar heile Welt der Primaten und ist ihnen im eigens erschaffenen Paradies im Hauskeller näher als den Menschen.

Den Glauben an die Menschheit hat Grolmann längst verloren: Bei der Flucht aus Schlesien im tiefsten Winter mit seiner Mutter und dem behinderten Bruder Emil, beim Anblick der Verwundeten und Toten und Heimatlosen. Das Kriegskind Grolmann kann seine Traumata nicht bewältigen, schleppt die Schuld am Verschwinden von Emil immer mit, ist unfähig, als Vater Liebe zu zeigen, lässt Autorin Ulrike Draesner die Leser ihres neuen Romans „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ wissen. Weil das Erinnern schmerzt und vor allem auch Fragen nach der eigenen Schuld aufwirft, legt sich der alte Mann eine Schutzschicht aus Starrsinn, kindlicher Naivität und überheblicher Unerreichbarkeit zu, die nur Enkelin Esther mit ihrer unendlich selbstlosen Zuneigung durchbrechen kann. „Eustachius war ein Mensch, der keine Möglichkeit fand, seine Gefühle auf erwachsene Weise auszudrücken. In seinem Gefängnis schlich er dahin“, resümiert Psychologe Boris, der Grolmann zwar nicht therapieren kann, aber – ebenfalls in Einsamkeit gefangen – als Vaterersatz erwählt. Doch auch in Tochter Simone hinterlässt das Erbe des Vaters, Hitlers und der ganzen Kriegsgeneration Spuren, weil sich „seelische Landschaften von einer Generation in die nächste hinüberstempeln“, wie Draesner schreibt. Simone hat unbändige Angst vor Schnee, träumt die Alpträume des Vaters mit, ist bindungsgehemmt wie konfliktscheu und flüchtet sich ebenfalls auf der Suche nach sich selbst in die Welt der Affen. Als beide Forscher erkennen müssen, dass der Gott des Gemetzels auch in der „vorwiegend auf Macht und Wettbewerb gegründeten Ordnung der Schimpansen“ regiert, wird auch hier der Schutzschirm ausgebreitet: Affen sind wie der Mensch nicht aus freiem Willen böse, sondern chemisch unfrei, tröstet Eustachius sich über den Schmerz seiner Erkenntnis und weint bitterlich über die Bilder einer Affenhorde, die ein kleines Affenbaby grausam zerstückelt und verspeist.

Die deutsche Autorin Ulrike Draesner hat für ihren sehr persönlichen (Anti-)Kriegs- und Liebesroman viel geforscht, sich mit Migration und Anthropologie eingehend auseinandergesetzt. Wie eine unerschöpfliche Quelle rieselt dieses Wissen ein in ein äußerst berührendes Buch, das am Beispiel von zwei Familien und vier Generationen das Schicksal Millionen Vertriebener in den Fokus rückt. Zerbrechlich und doch in ihrem Überlebenswillen stark, zeichnet Draesner ihre Figuren, die zwischen Vergangenheit und dem Jetzt pendeln, aus denen das bisher Ungesagte heraussprudelt oder nur Erinnerungsbrocken herauströpfeln. Manchmal gesteht ihnen Draesner Selbstmitleid zu, meist brilliert jedoch die – auch sprachlich unglaublich reizvoll inszenierte – Selbstironie. Gleichzeitig scheut Draesner nicht davor zurück, Krieg, Tod, Verderben und Gewalt in der ganzen Rohheit und Düsterkeit auszubreiten. Und wenn uns letztendlich Menschen wie Affen genug Grund geben, an der Sinnhaftigkeit des Lebens zu zweifeln, wissen wir doch: Das ganz persönliche Paradies gibt es, und sei es nur im Keller.

Roman Ulrike Draesner: „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“. Luchterhand, 560 S., 22,70 Euro.

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