Konflikte

Thailands Junta übt sich in der Zwangsbeglückung

Heute vor einem Monat übernahm wieder einmal die Armee die Macht in Thailand. Und zeigt sich von ihrer besten Seite. Kritik ist freilich unerwünscht.

Von Christiane Oelrich/dpa

Bangkok –Thailands Armee zieht nach dem Militärputsch alle Charme-Register: Es gibt tanzende Soldatinnen, gratis Haarschnitte und alle Fußball-WM-Spiele live im TV. Der Juntachef beglückt das Volk mit eigenen Dichtungen. Soldaten beschallen die Menschen am Platz des Siegerdenkmals in Bangkok vom Dach ihres Truppentransporters mit Popmusik. Sie haben die Uniformärmel hochgekrempelt, scherzen mit Leuten, posieren für Fotos. Auf meterhohen Werbe-Leinwänden rund um den Platz zeigt die Armee zwischen Werbesports für Bier und Shampoo Kriegsfilmszenen aus dem Militärarchiv und Soldaten im Kriseneinsatz. Die Botschaft: die Armee, dein Freund und Helfer.

Vor einem Monat hat das thailändische Militär geputscht. Ein Machtkampf zwischen der Regierung und ihren Gegnern hatte das Land sechs Monate fast lahmgelegt. Ohne Aussicht auf eine Lösung stürzte Armeechef Prayuth Chan-ocha die gewählte Regierung. Der Putsch war unblutig, es gab keine Panzer auf den Straßen. Seitdem tut Prayuth alles, um sich beim Volk einzuschmeicheln. Die nächtliche Ausgangssperre wurde nach drei Wochen aufgehoben. Das Armeeprogramm lautet offiziell: „Das Volk wieder glücklich machen“.

Am Wochenende sind die Kinosäle zum Bersten gefüllt. Es ist nicht der neueste Tom-Cruise-Streifen, der die Leute vor die Leinwand lockt, sondern ein heimischer Historienschinken über glorreiche Schlachten. Der Eintritt ist frei, die Militärjunta lässt grüßen.

Bei Musikfestivals im ganzen Land geben Soldaten die DJs. Von wegen Marschmusik: Sie legen Populäres auf, Soldatinnen rocken rhythmisch auf der Bühne. „Wie in Nordkorea“, ätzt jemand auf Twitter und lädt Fotos tanzender Soldatinnen aus beiden Ländern hoch. „Happy Haarschnitt“ gibt es an Armeeständen auch – gratis. Den größten Coup landet die Junta aber zur Fußball-WM: Alle Spiele gibt es live im öffentlichen Fernsehen. Dafür macht sie neun Millionen Euro locker und zahlte den TV-Anbieter aus, der die Übertragungsrechte hatte.

Der Karikaturist Stephff­ zeichnet Armeechef Prayuth­ mit einem Fußball am Band, mit dem er einen Elefanten, das Wahrzeichen Thailands, hypnotisiert. „Du bist glücklich, du bist sehr glücklich ...“, beschwört Prayuth das Tier. Eine andere Karikatur sieht aus wie das berühmte Foto in der Nähe des Tian’anmen-Platzes 1989, wo ein Mann einsam einem Panzer entgegentritt. In der Karikatur brüllt ein fröhlicher thailändischer Soldat aus dem Panzerausguck: „Wir tolerieren kein Unglücklichsein!“

„Alles nur vorübergehend“, beteuert Prayuth. „Wir werden das Volk nicht total verwöhnen.“ Aber Politikprofessor Thitinan Pongsudhirak ist skeptisch: „Das sind typische Methoden aus der Ära des Kalten Krieges, um Leute für sich einzunehmen. Ob das 2014 fruchtet, wo die Probleme und Erwartungen ganz anders liegen, bleibt abzuwarten.“ Die Armee tischt aber auch Handfestes auf. Zwei Milliarden Euro für die Reisbauern, deren Bezahlung im politischen Machtkampf auf der Strecke blieb, ein Ende der Taximafia mit überhöhten Preisen am Flughafen, eine Kampagne gegen Drogendealer und Wucherzinsen.

Wer mit den Beglückungsaktionen Probleme hat, bekommt Probleme. Rund 300 kritische Politiker, Aktivisten, Journalisten wurden einbestellt. Wer festgenommen wird, wird einem „Prozess der Einstellungsänderung“ unterzogen, wie ein Vizepolizeichef Reportern sagt. Natürlich gebe es Widerstand, sagt Pravit Rojanaphruk, ein Kommentator, der sieben Tage in Militärgewahrsam war. Es traue sich nur noch kaum jemand, das offen zu zeigen.

„Die Junta gräbt ihr eigenes Grab, wenn sie meint, sie könnte Gleichförmigkeit der Gedanken und Gefühle erzwingen“, schreibt die Zeitung Nation­ in einem Kommentar. Prayuth wagt sich indes unter die Dichter. Er hat einen Song komponiert, der sein wöchentliches Fernsehprogramm untermalt. „Wir bringen Thailand Frieden zurück“ heißt das Werk, Typ Schnulze, wie es aus dem Lautsprecher in einer Zahnarztpraxis säuseln könnte. „Wir schützen euch von ganzem Herzen“, schmalzt der unbekannte Sänger.