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Streitbarer Erneuerer der Geschichtsschreibung Hans-Ulrich Wehler tot

Bielefeld (APA/dpa) - Der Historiker Hans-Ulrich Wehler war streitbar, profiliert, mutig, selbstbewusst und wurde mit kaum nachlassendem Ela...

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Bielefeld (APA/dpa) - Der Historiker Hans-Ulrich Wehler war streitbar, profiliert, mutig, selbstbewusst und wurde mit kaum nachlassendem Elan zum Erneuerer der deutschen Geschichtswissenschaft und zum Autor von Standardwerken. Dabei mischte er sich in zahllose gesellschaftliche Debatten ein und bezog Position. Mit 82 Jahren ist der Autor von Standardwerken in Bielefeld gestorben.

Wehlers wissenschaftliche Karriere startete holprig. Seine erste Habilitation über den „Aufstieg des amerikanischen Imperialismus 1865 bis 1900“ lehnte die Universität Köln ab. Erst die zweite mit dem unbescheidenen Titel „Bismarck und der Imperialismus“ wurde mit knapper Mehrheit angenommen.

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Mit Fragestellungen des Soziologen Max Weber im Hinterkopf wurde Wehler zu einem Vater der „Historischen Sozialwissenschaft“. Seine Beschreibung von Geschichte beruht auf den fünf Aspekten Bevölkerung, Wirtschaft, Soziale Ungleichheit, Politik, Kultur. Im Gegensatz zu vielen Kollegen waren ihm gesellschaftliche Verhältnisse und Entscheidungsprozesse wichtiger als die handelnden Personen. Kritiker fanden das gelegentlich etwas blutleer.

Als renommierter Historiker hatte der streitbare Wehler seit Jahrzehnten die nötige Beachtung, um in zahlreichen Debatten gehört zu werden. Und er scherte sich dabei kaum um die vermeintliche Mehrheitsmeinung. Nach Einschätzung seines Fachkollegen Ulrich Herbert hat er die deutsche Geschichtswissenschaft modernisiert wie kein anderer Historiker nach 1945. „Wehler hat eine ungeheure Wirkung erzielt.“ Er habe das Geschichtsbild „weit über die Universitäten hinaus bis in die Schulen und in das öffentliche Bewusstsein verändert“.

Im Historikerstreit von 1986/87 stellte sich Wehler klar an die Seite seines Jugendfreundes Jürgen Habermas, mit dem er zusammen in der Hitlerjugend und auf dem selben Gymnasium in Gummersbach war. Beide wiesen die Thesen des Historikers Ernst Nolte über einen Zusammenhang zwischen den Verbrechen der Bolschewisten und der Nationalsozialisten scharf zurück.

Wehler schlug vor, die März-Revolution von 1848 mit einem Nationalfeiertag zu würdigen. 1999 sprach er sich dafür aus, das Reichstagsgebäude in Berlin weiterhin Reichstag zu nennen. 2002 kritisierte er vehement einen möglichen Angriff auf den Irak. Später warnte er, der Krieg werde den muslimischen Fundamentalismus anheizen.

2008 warnte Wehler, der der SPD nahestand, vor einer Öffnung der Sozialdemokraten zur Linken. Und er sprach sich für die Publikation einer historisch-kritischen Ausgabe von Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ aus. In der Finanzkrise befürwortete er eine Regulierung der Finanzmärkte. Wehler propagierte eine Direktwahl des Bundespräsidenten als geeignetes Mittel gegen die Politikverdrossenheit. Und er lehnte 2002 einen EU-Beitritt der Türkei ab. Zur Begründung verwies er auf Demokratiemängel, eine fehlende Aufarbeitung der jüngsten türkischen Geschichte und den türkischen Islamismus.

Auch in der Stadt seines langjährigen Wirkens, in Bielefeld, bezog Wehler Stellung: Die 1968 von Oetker gestiftete Kunsthalle sollte nach drei Jahrzehnten nicht mehr Richard-Kaselowsky-Haus heißen, benannt nach dem 1944 umgekommenen Stiefvater Oetkers. Kaselowsky gehörte der NSDAP und dem „Freundeskreis des Reichsführers SS Heinrich Himmler“ an. Damit zählte er nach Ansicht Wehlers zu den „Auserwählten eines klassischen Großschlächters des sogenannten Dritten Reiches“. In den letzten Jahren meldete sich Wehler auch oft in der Debatte über die wachsende soziale Ungleichheit zu Wort.

Als Wehler 2008 den letzten Band seines fünfteiligen Monumentalwerks „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ vorlegte, sorgte er wieder für lebhafte Debatten. Der streitbare Wehler konnte aber auch Gelassenheit anmahnen, wie etwa bei der Fußballweltmeisterschaft 2006. Der Jubel-Patriotismus vieler Deutscher werde schon bald abflauen, sagte er damals voraus. Das Meer der schwarz-rot-goldenen Fahnen und das ganze Drumherum sei harmlos. Bundespräsident Joachim Gauck würdigte ihn am Montag als „unverwechselbare Instanz der Orientierung in unserer Gesellschaft“.


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