Die „hippen Rechten“ von nebenan

Postmoderne Posen und zertanzte Toleranz: Am Freitag wird in Innsbruck ein neues Buch über die identitäre Jugendbewegung präsentiert.

Eine bedenkliche Bewegung: Im Mai 2014 protestierten gut hundert Identitäre in Wien.
© APA/Pfarrhofer

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Sie sind jung, modisch gekleidet und beinahe durchwegs Absolventen höherer Schulen. Sie studieren, besuchen Konzerte und sind geübt im Umgang mit sozialen Netzwerken. Trotzdem bewertet das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) ihre Aktivitäten als rechtsextrem, und Wiens Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) sprach im Mai dieses Jahres von einer „neofaschistischen Organisation, die eigentlich völlig klar unter das Verbotsgesetz gehört“. Dabei lehnen die dergestalt Kritisierten Kategorien wie rechts oder links ab, beharren auf das reichlich nebulöse Attribut „identitär“ und nennen sich folglich „die Identitären“. In Österreich wurde man erstmals im September 2012 auf die Vereinigung aufmerksam: Eine Handvoll Aktivisten störte den Caritas-Workshop „Tanz für Toleranz“ in Wien-Floridsdorf mittels Flashmob. Was zunächst nach unpolitischem Jux aussah, trug ein vielsagendes Motto: „Zertanz die Toleranz“.

Ein halbes Jahr später besetzten Identitäre für einige Stunden die Wiener Votivkirche, in der zu dem Zeitpunkt Flüchtlinge gegen die rigide österreichische Asylpolitik protestierten. Auch hier war die Stoßrichtung klar: Die „echten“ Österreicher sind Asylanten im eigenen Land.

Im Mai 2014 protestierte eine Hundertschaft Identitärer in Wien gegen „herrschende EU-Politik“ und „Vereinheitlichungswahn“. Aus Protest gegen den „ersten rechtsextremen Aufmarsch in Österreich seit Jahrzehnten“ gingen zeitgleich rund 400 linke Demonstranten auf die Straße.

Die Feindbilder der Identitären sind leicht auszumachen: Migranten, „Multikulti“, „Mainstream-Medien“ und – vor allem – die „Islamisierung Europas“. Das alles bedrohe die Identität der „echten Österreicher“, dagegen müsse angegangen werden. Allerdings nicht mit Gewalt, sondern durch geschickte Verwendung popkultureller Symbolik soll die „konservative Revolution“ auf den Weg gebracht werden. „Reconquista“ ist eines der Schlagworte dieser neuen Generation reaktionärer Aktivisten, die den plumpen Nationalismus rechter Recken durch stylische Accessoires und postmodernes Posieren ersetzt haben. Was nach in die Jahre gekommenen „Hasta la victoria siempre“-Floskeln klingt, soll an die christliche „Rückeroberung“ der maurisch beherrschten Iberischen Halbinsel (718–1492) gemahnen. Sonderlich einflussreich mögen die „hippen Rechten“ bislang nicht sein. Aber ihre griffigen Slogans fallen auf fruchtbaren Boden. Die Wiener Politikwissenschafter Kathrin Glösel, Natascha Strobl und Julian Bruns zeichnen in „Die Identitären“ nicht nur die Entwicklung der Bewegung nach, sondern beleuchten Umfeld und ideologisches Fundament der „neuen Rechten“ in Europa. Ein Grundlagenwerk, das nachdenklich macht.

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Studie Julian Bruns/Kathrin Glösel/Natascha Strobl: „Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa“. Unrast, 260 Seiten, 16 Euro. Präsentation: Freitag, 11. Juli, 19 Uhr im Café Decentral (Haller Straße 1)


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