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Luftschläge in Ostukraine - Streitkräfte sprechen von Hunderten Toten

Donezk/Brüssel (APA/dpa/AFP) - Bei neuen schweren Luftangriffen in der Ostukraine haben Streitkräfte nach eigenen Angaben Hunderte Separatis...

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Donezk/Brüssel (APA/dpa/AFP) - Bei neuen schweren Luftangriffen in der Ostukraine haben Streitkräfte nach eigenen Angaben Hunderte Separatisten allein in der Stadt Dserschinsk getötet. Die prorussischen Aufständischen wiesen die Zahlen als nicht zutreffend zurück, bestätigten allerdings den massiven Beschuss mit Raketen.

In Dserschinsk - nahe der Großstadt Donezk - gebe es keine solche Zahl an Kämpfern, betonte ein Separatisten-Sprecher der Agentur Interfax zufolge am Samstag.

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Der Sprecher der von Kiew geführten „Anti-Terror-Operation“, Wladislaw Selesnjow, teilte mit, bei den Luftschlägen in den Regionen Donezk und Lugansk seien rund 1.000 Separatisten getötet worden, davon allein 500 in Dserschinsk. Dabei seien auch Panzer und gepanzerte Fahrzeuge sowie Waffentechnik zerstört worden. Auch andere Militärsprecher wiederholten die Zahl.

„Er (Selesnjow) kann erzählen, was er will“, sagte der selbst ernannte Verteidigungsminister der nicht anerkannten „Volksrepublik Donezk“, Igor Strelkow (Girkin). „In der ganzen Garnison Dserschinsk gab es nur halb so viele Leute“, betonte er. Die meisten Kämpfer seien abgezogen gewesen. Es sei nur ein Kämpfer verwundet worden.

Bei schwerem Artillerie-Beschuss durch Regierungstruppen seien im Donezker Vorort Marjinka mindestens 30 Zivilisten getötet, sagte Strelkow weiter. Der Beschuss dauere an. „Wir haben Kenntnis von 30 Toten. Aber noch nicht alle Trümmer sind beseitigt. Es kann noch mehr geben“, sagte er der Agentur Interfax zufolge. Die prorussischen Kräfte seien intensiv mit der Evakuierung von Ortschaften beschäftigt. Aufseiten der Aufständischen habe es keine Verluste gegeben.

Die prorussischen Kräfte meldeten zudem den Abschuss eines ukrainischen Kampfbombers vom Typ Suchoi Su-25 in der Stadt Gorlowka. Der ukrainische Rat für Nationale Sicherheit und Verteidigung (SNBO) teilte am Samstag mit, seit dem Vorabend seien fünf Soldaten getötet und etwa 30 weitere verletzt worden. SNBO-Sprecher Andrej Lyssenko bezeichnete die Lage als „gespannt“. „Das Militär setzt die Angriffe fort“, betonte er.

Nach Angaben der Stadtverwaltung in Donezk hielt sich Bürgermeister Alexander Lukjantschenko in Kiew auf, wo er auch mit Staatspräsident Petro Poroschenko sprach. Dabei sei es auch um einen möglichen Luftangriff auf Donezk gegangen. „Erörtert wurden Schritte, um ein Blutvergießen zu verhindern und um keine Luftwaffe und schwere Artillerie in der Stadt einzusetzen“, teilte das Bürgermeisteramt mit.

Eine Bombardierung der ursprünglich von rund einer Millionen Menschen bewohnten Stadt hätte verheerende Folgen. Die Separatisten hatten angesichts drohender Militärschläge angekündigt, Hunderttausende Menschen in Sicherheit bringen zu wollen - vor allem ins benachbarte russische Gebiet Rostow am Don.

Russische Behörden berichten von einer „humanitären Katastrophe“ auf ihrem Staatsterritorium. Rund 21.000 Flüchtlinge hielten sich demnach am Samstag in den insgesamt 321 eingerichteten Übergangslagern auf, wie das Zivilschutzministerium mitteilte. Insgesamt 30 Regionen würden inzwischen Ukrainer aufnehmen.

Die aus dem Kriegsgebiet geflüchteten Menschen kommen bisher mehrheitlich bei ihren Verwandten, Bekannten und bei Freiwilligen unter. Die Gesamtzahl der aus der Ostukraine Übergesiedelten liegt nach Angaben der russischen Migrationsbehörde bei rund einer halben Million Menschen. Eine unabhängige Bestätigung dafür gab es nicht.

Die Kämpfe in der Ostukraine dauern seit Mitte April an. Die ukrainische Führung will mit dem militärischen Vorgehen verhindern, dass sich die nicht anerkannten „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk komplett abspalten von der Ukraine. Die russisch geprägte Region Donbass erkennt die proeuropäische Führung in Kiew nicht an. Friedensbemühungen hatten bisher zu keinem greifbaren Ergebnis geführt. Die ukrainische Armee versucht seit der Einnahme der Rebellenhochburg Slawjansk am Samstag vergangener Woche auch die strategisch bedeutsamen Großstädte Donezk und Lugansk einzukesseln, um die Aufständischen von dort zu vertreiben.

Die EU gab am Samstag bekannt, dass neue Sanktionen Führungsmitglieder der selbst ernannten Regierungen der Separatisten betreffen. Auf einer im EU-Amtsblatt veröffentlichten Liste mit elf Namen finden sich unter anderem der selbst ernannte Regierungschef von Donezk, Alexander Borodaj, und der selbst ernannte Regierungschef der sogenannten Volksrepublik Lugansk, Marat Baschirow. Für beide Männer sowie für neun weitere Verantwortliche gelten ab sofort Einreiseverbote und Kontensperren. Damit sind nun insgesamt 72 Russen und Ukrainer wegen des Konflikts durch die EU mit Vermögens- und Einreisesperren belegt.

Neben der EU verhängten auch weitere Staaten in den vergangenen Monaten Strafmaßnahmen gegen dutzende Russen und Ukrainer, darunter vor allem die USA. Zuletzt gab am späten Freitag die kanadische Regierung bekannt, dass sie ihrer Sanktionsliste 14 weitere Namen hinzugefügt habe. In dem Land stehen damit inzwischen 43 Namen auf der Liste.

Borodaj teilte am Samstag mit, mehr als 70.000 der etwa 900.000 Einwohner des Großraums Donezk hätten bereits die Flucht ergriffen. Überprüfen ließ sich die Zahl nicht, allerdings herrschte auf den Straßen reger Verkehr und auf dem Bahnhof großer Andrang. Ein Kämpfer der Separatisten an einer Straßensperre etwa 20 Kilometer östlich von Donezk sagte, etwa in jedem fünften Auto, das die Kontrollstelle passiere, säßen Flüchtlinge.

Am Bahnhof bildeten sich vor den Fahrkartenschaltern lange Menschenschlangen. Viele Passagiere versuchten, Tickets für Züge nach Russland zu kaufen, wie ein Vertreter der Bahngesellschaft sagte. Sämtliche Züge seien seit Freitag bei Abfahrt voll besetzt, was allerdings auch an manchen anderen Tagen nicht ungewöhnlich sei. „Ich habe hier mehr als 40 Jahre lang gelebt, und es fällt mir schwer, die Stadt zu verlassen“, sagte eine Frau, die eine Fahrkarte für einen Zug in Richtung Russland ergattern konnte. Es gebe aber „keine andere Lösung“. „Alles wird geschlossen hier, es gibt nichts zu tun, und außerdem ist es zu gefährlich“, gab auch ein Mann an, der am Bahnhof mit großem Gepäck auf eine Verbindung nach Russland wartete.


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