WM 2014

Löw im WM-Interview: „Ein Glücksgefühl für alle Ewigkeit“

Es war die Krönung seines Projektes. Nach zehn Jahren beim Nationalteam hat Joachim Löw Deutschland zum vierten WM-Titel geführt. Seit Sommer 2004 ist der frühere Tirol-und Austria-Trainer beim DFB tätig, seit 2006 als Cheftrainer. Nach dem WM-Coup am Sonntagabend in Rio de Janeiro sprach der 54-Jährige über Widerstände, „Wunderkind“ Mario Götze und ein Umdenken im deutschen Fußball.

Stand das Finale ein Stück weit auch für die ganze Geschichte bis zu diesem Triumph, den Widerständen, die es zu überwinden gab?

Löw: „Wir waren jetzt, ich weiß nicht, 55 Tage zusammen. Wir haben das ganze Projekt vor zehn Jahren gestartet. Das ist ein Produkt von vielen Jahren, beginnend mit Jürgen Klinsmann damals. Wir haben das fortgesetzt. Ich glaube, unsere große Stärke war, dass wir uns in allen diesen Jahren kontinuierlich gesteigert haben, auch wenn wir nicht den letzten Schritt gemacht haben. Wir wussten genau, dass Champions irgendwann diesen letzten Schritt machen, die Sache zu Ende bringen. Wir haben immer daran geglaubt.“

Was war entscheidend für diesen letzten Schritt?

Löw: „Wir haben wirklich hart dafür gearbeitet. Wenn es überhaupt irgendjemand verdient hat, dann diese Mannschaft mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker, Lukas Podolski, Miroslav Klose. Sie waren zu meiner Zeit die ganzen zehn Jahre dabei. Wir waren das eine oder andere Mal enttäuscht, aber heute gab es nur einen verdienten Sieger, diese Mannschaft. Wir haben, glaube ich, in diesem Turnier die beste Leistung gezeigt über sieben Spiele. Von daher ist es ein besonderes Glücksgefühl. Wir können stolz sein auf diese Mannschaft.“

Wie geht es Ihnen jetzt? Werden Sie erst einmal in ein Loch fallen? Werden Sie sich beim Feiern auch einfach einmal treiben lassen?

Löw: „In der ersten Nacht werde ich nicht unbedingt in ein Loch fallen. Und am Dienstag wahrscheinlich auch nicht. Denn da fahren wir nach Berlin - und da wollten wir hin. Es ist logisch, bei so vielen Emotionen, bei so viel Druck, der bei einem Turnier auf dieser Mannschaft und uns allen lastet, wird es natürlich einen emotionalen Abfall geben. Aber ich glaube, dieses tiefe Glücksgefühl wird für alle Ewigkeit bleiben.“

Das Finale haben zwei Einwechselspieler entschieden. Andre Schürrle leistete die Vorarbeit, Mario Götze erzielte das Tor. Wie wichtig war die Bank?

Löw: „Ich habe von Anfang an gesagt, dass wir hier nicht mit elf Spielern über die Runden kommen, dass wir eine erste 14 haben, dass alle in höchster Alarmbereitschaft sein müssen. Man hat gemerkt, dass Argentinien immer müder geworden ist. Da war es gut, dass wir auf den Außenpositionen Spieler wie Müller, wie Schürrle haben, die immer wieder in die Tiefe gehen, die den Gegner vor Probleme stellen. Und Götze ist ein Spieler, der kann alles spielen, der ist ein Wunderkind. Er hat immense Möglichkeiten und überragende technische Fähigkeiten. Er ist so raffiniert. Ich wusste, er kann immer ein Spiel entscheiden, wenn es auf der Kippe steht. Das Tor war wirklich großartig gemacht.“

Was genau haben Sie zu Götze bei der Einwechslung gesagt?

Löw: „Ich habe zu Mario Götze gesagt, zeige der ganzen Welt, dass du besser bist als Messi, und dass du dieses Spiel entscheiden kannst. Du hast alle Möglichkeiten, das zu tun. Ich glaube, dass habe ich ihm in diesem Moment gesagt. Ich hatte bei ihm einfach ein gutes Gefühl, weil er zu allem fähig ist.“

Sie übernehmen den WM-Pokal von Spanien. Haben Sie sich auch an spanischen Einflüssen orientiert, etwa durch Pep Guardiola bei Bayern München?

Löw: „Wir haben seit vielen Jahren an unserem eigenen Spielstil gearbeitet und uns unabhängig von gewissen Dingen gemacht, die bei einzelnen Vereinen passiert sind. Natürlich gibt es Trainer wie Jürgen Klopp, Pep Guardiola oder Carlo Ancelotti bei Real Madrid, die mit diesen Spielern das ganze Jahr über gearbeitet und sie natürlich auch verbessert haben. Bayern München hat auch unter Jupp Heynckes die großen Titel gewonnen, das hat den Spielern viel Selbstbewusstsein und den Glauben gegeben, dass sie es schaffen können. Uns wird dieser Titel für die Zukunft einen Schub geben in unserem Land. Wir haben noch Spieler, die größtenteils sehr jung sind.“

Wie groß ist der Anteil der deutschen Bundesliga an diesem Erfolg?

Löw: „Die Bundesliga hat einen großen Anteil mit ihrer Ausbildung. Es war auch ganz wichtig, dass viele Trainer die jungen Spieler, mit denen wir 2010 bei der WM in Südafrika waren, danach auch eingesetzt und ihnen vertraut haben. 2000 und 2004 lag der deutsche Fußball am Boden, damals sind wir jeweils in der Vorrunde der EM-Turniere ausgeschieden. Da wurden Maßnahmen ergriffen. Da wurde gesagt, wir müssen mehr in die Ausbildung investieren, wir müssen technisch bessere Spieler haben. Nur mit deutschen Tugenden hätte man keine Fortschritte gemacht. Wir haben Leistungszentren in den Vereinen gemacht, dort wird großartige Arbeit geleistet. Dafür muss ich mich immer bedanken. Der Titel ist auch ein Produkt der hervorragenden Ausbildung in Deutschland.“