Internationale Pressestimmen zu den Kämpfen im Irak

Bagdad/Frankfurt am Main/München (APA/dpa) - In europäischen Zeitungen ist Montag zur Bekämpfung der Jihadisten des Islamischen Staates (IS)...

Bagdad/Frankfurt am Main/München (APA/dpa) - In europäischen Zeitungen ist Montag zur Bekämpfung der Jihadisten des Islamischen Staates (IS) im Irak zu lesen:

„Neue Zürcher Zeitung“

„Nun drängt sich eine enge Allianz mit den Kurden auf. Das Überleben ihres Teilstaates liegt im Interesse der USA: Keine andere irakische Volksgruppe ist dem Westen gegenüber so aufgeschlossen wie die Kurden, und in keinem anderen Landesteil gibt es vergleichbare Ansätze zu einem modernen Staatswesen und einem liberalen Klima wie in Kurdistan. Nötig ist daher die raschestmögliche Versorgung der kurdischen Peschmerga mit Waffen und Munition. Nur so lässt sich sicherstellen, dass im Nordirak ein Zufluchtsort für bedrohte Minderheiten erhalten bleibt. Und solange die Lähmung der Bagdader Zentralregierung anhält, bietet ein enges Zusammenspiel zwischen amerikanischen Luftstreitkräften und kurdischen Bodentruppen die beste Chance, den Vormarsch des IS zu stoppen.“

„Aftenposten“ (Oslo):

„Das brutale Vorgehen der Terrorgruppe IS gegen die Zivilbevölkerung macht es unmöglich, die Augen davor zu verschließen, was geschieht. Darüber hinaus kann die IS die ganze Region instabiler machen - und die ausländischen Krieger, die zurück in den Westen gehen, radikalisieren. Es ist zu bezweifeln, ob begrenzte Luftangriffe gegen die IS viel an den Aussichten für den Irak ändern können. Aber gleichzeitig gibt es heute in Bagdad keine effektive Regierung, die die Arbeit gegen die IS selbst in die Hand nehmen könnte. Deshalb könnten die amerikanischen Luftangriffe der Beginn eines neuen, langjährigen Engagements der Amerikaner im Irak sein.“

„De Telegraaf“ (Amsterdam):

„Ungefähr 15.000 amerikanische Soldaten wären im Irak nötig, um die IS-Terrortruppe erfolgreich bekämpfen zu können, rechnen Militärexperten vor. Aber Präsident Obama hat seine militärischen Optionen beschnitten, indem er ausdrücklich erklärt hat, er werde keine Bodentruppen in den Irak schicken. Damit wird dies ein sich lang hinziehender Kampf, wahrscheinlich zum Missvergnügen der amerikanischen Generäle. Das amerikanische Volk mag genug haben von aufeinanderfolgenden Kriegen, aber für die Armeeführung gilt das nicht. Die Generäle wollen jede Gelegenheit zum Angriff nutzen, um zu zeigen, dass Amerika immer noch über die mächtigsten Streitkräfte der Welt verfügt. Sie befinden sich in einer unbequemen Situation, denn ihr Oberkommandierender ist Friedensnobelpreisträger Obama, der im Ruf steht, ein Pazifist zu sein.“

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“:

„‘Man führt nicht Krieg im Namen Gottes‘, hat Papst Franziskus am Sonntag auf wunderbar schlichte Art gesagt. Man kann annehmen, dass die Terroristen vom ‚Islamischen Staat‘ das, was heute eine Selbstverständlichkeit ist, anders sehen. Sie führen gerne Krieg im Namen Gottes, bringen Hunderttausenden Tod und Elend. Dort, wo ihre schwarze Fahne weht, ist das Schicksal vieler Unschuldiger besiegelt: Mord, gar Völkermord als Gottesdienst - welche abscheuliche Perversion des Denkens dieser Dschihadisten, die sich mit Taten brüsten, die doch Gott zutiefst beleidigen! Die Vereinigten Staaten - wer sonst? - haben sich nun dazu entschlossen, gegen diese Leute vorzugehen und deren Vormarsch auf die autonome Kurdenregion im Irak zu stoppen. Wie beherzt werden sie das tun?“

„Süddeutsche Zeitung“ (München):

„Der Kalifats-Staat im Irak und Syrien ist die bisher radikalste Kampfansage des Dschihadi-Islams überhaupt. Sie richtet sich nicht nur gegen die Muslim-Staaten, sondern eigentlich gegen den Rest der Welt. ‚Wir kennen keine Grenzen, wir kennen nur Fronten‘, sagen die Kämpfer des Kalifen Ibrahim. Das sind keine leeren Worte. Die Idee eines sunnitischen Gottesstaats, gepaart mit der Ideologie eines aggressiven, auf Ausdehnung angelegten Islams lebt von der Dynamik der Attacke und der Mission mit dem Schwert.“

„Stuttgarter Zeitung“:

„Der Mann im Weißen Haus weiß genau, dass mit seiner vorsichtigen Dosierung wenig zu holen und viel zu verlieren ist. Die IS-Krieger werden bald allen Armeen des Nahen Ostens auf der Nase herumtanzen. Und Iraks politische Klasse unter der Führung von Premierminister Nuri al-Maliki macht keinerlei Anstalten, das durch ihre Alles-oder-nichts-Politik angerichtete Drama der irakischen Selbstzerstörung durch fundamentale politische Kompromisse zu beenden.“

„Der Tagesspiegel“ (Berlin):

„Weltpolitik ist möglich - wo jetzt der Nahe und der Mittlere Osten mit Osteuropa zusammenkommen. Wie? Nicht geografisch, sondern geostrategisch: Indem die USA und Russland ihre, wohlgemerkt, gemeinsame Verpflichtung erkennen, die Krisen zu beenden. Russland hat in Syrien, dem fast vergessenen Schlachtfeld, Einfluss auf Assad, und Syrien darf nicht in die Hände des IS fallen, damit nicht noch mehr Glaubensrichtungen einander mit Ausrottung bedrohen. Die USA wiederum müssen den Genozid des IS an den Jesiden stoppen, wenn sie ihr Engagement im Irak nicht als sinnlos und diskreditiert erscheinen lassen wollen. Wozu müsste das führen? Zum Versuch der Zusammenarbeit. Um den IS zu stoppen.“

„Die Welt“ (Berlin):

„Die deutsche Außenpolitik hat seit dem Einmarsch der US-Armee im März 2003 um den Irak einen großen Bogen gemacht. Warum sollte man sich auch mit einem Land befassen, das in ethnischen und religiösen Konflikten zu versinken droht? Sollen doch die Amerikaner ohne uns damit fertig werden, schließlich haben die das Schlamassel da unten angerichtet - das war mehr oder weniger die Haltung in Berlin. Den Opfern von Terror und Krieg hat diese Äquidistanz freilich nicht geholfen. Es ist daher angebracht, dass in Berlin eine Diskussion darüber begonnen hat, wie sich Deutschlands Politik gegenüber dem Irak und Kurdistan künftig entwickeln soll. Die Forderung, Flüchtlinge aufzunehmen, ist humanitär sicher begründet. Aber dabei kann es nicht bleiben.“


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