Salzburger Festspiele: Sokolovs magische Chopin-Entschleunigung

Salzburg (APA) - Eine Anna Netrebko oder ein Placido Domingo mögen mehr Strahlkraft besitzen. Dass man aber auch ohne einen Fixplatz in den ...

Salzburg (APA) - Eine Anna Netrebko oder ein Placido Domingo mögen mehr Strahlkraft besitzen. Dass man aber auch ohne einen Fixplatz in den Society-Seiten das Große Festspielhaus in Salzburg bis auf den letzten Platz füllen kann, demonstriert der russische Ausnahmepianist Grigory Sokolov Jahr für Jahr. Gestern, Sonntagabend, spielte Sokolov ein reines Chopin-Programm.

Es muss ziemlich einsam sein auf dem Gipfel, den Sokolov seit Jahren bewohnt. Der 64-Jährige ist immun gegen den Zeitgeist, der uns gut geölte Tasten-Roboter und hübsche Klaviermädels vorsetzt. Grigory Sokolov verweigert die Star-Attitüde und nimmt uns mit auf Expeditionen in die Innenwelt der Solo-Klavierkompositionen.

Frederic Chopins Spätwerk scheint für diese Herangehensweise ideal geeignet zu sein: Virtuoser Tand wird dieser schwermütigen, tiefgründigen Musik nicht gerecht. Sokolov zerlegt die h-Moll-Sonate op. 58 in ihre Einzelteile und durchleuchtet sorgsam Szene für Szene. Den Kopfsatz entschleunigt der Pianist zunächst einmal radikal und tastet die Themen in Zeitlupe nach ihrem inneren Gehalt ab. Und zwar mittels delikater Anschlagdynamik und architektonischer Gestaltungskraft. Dadurch entstehen unerwartete Themen irgendwo in den Mittelstimmen, Klänge stehen plötzlich ohne tonalen Anknüpfpunkt im Raum.

Extreme Kontraste prägen auch das Scherzo, das Sokolov impressionistisch umherflirren lässt. Das Trio hingegen offenbart seinen markanten Kern fast zeitfrei. Von Satz zu Satz scheint dieser Zugang konsequenter umgesetzt, mit dem Largo als Höhepunkt: Die kantable Melodie verliert sich in einer end- und konturenlos wirkenden Fantasie, die Sokolov dann mit gezielt eingesetzter Tiefenschärfe in die Realität zurückholt. Dem Presto-Finale schließlich verweigert der Pianist die virtuose Brillanz, bremst den Sturm immer wieder ein, ehe sich die Spannung in einer klangmächtigen Coda doch entlädt - pure pianistische Magie.

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Vielleicht noch wertvoller ist dieser detailgenaue Zugang für die zehn Mazurkas aus opp. 30, 50 und 68, die den zweiten Teil des Konzerts bildeten. Sokolov nimmt jede einzelne dieser Miniaturen ernst und formt sie zu einem kleinen Kunstwerk. Das reicht von kleinen, plastisch zelebrierten Trillern über fast unhörbar verklingende Echos bis zu veritablen Mini-Dramen wie der gewichtigen cis-Moll-Mazurka op. 30 Nr. 4.

Selbst dem gewohnt reichhaltigen Zugaben-Block wohnte eine Dramaturgie inne: Drei Schubert-Impromptus aus D 899 und dessen episches Es-Dur-Klavierstück entwickelten jenen musikalischen Fluss, den Sokolov zuvor den Chopin-Werken bewusst vorenthielt. Zwei weitere Encores später entließ der Meister seine Jünger nach zweidreiviertel Stunden erschöpft und glücklich in die Vollmondnacht.


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