Wenn Retro auf Technik trifft

Mit klassischer Anmutung und moderner Technik will die BMW R nineT für Fahrerlebnisse der besonderen Art sorgen.

Die BMW R nineT besticht durch ihre Schlichtheit und die gekonnt eingesetzten Retro-Elemente.Foto: Letzner
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Von Lukas Letzner

Innsbruck – Gott sei Dank. Eine Zeit lang waren sie in Vergessenheit geraten, doch jetzt sind sie wieder auf dem Vormarsch. Die Rede ist von den Nachfahren der puristischen Roadster, mit denen sich die englische Jugend in den 60er Jahren vor den Cafés traf, um ein wenig auf den Putz zu hauen – die legendären Café Racer. Anstatt der sonst üblichen Leistungsorgien und elektronischen Spielereien wollen sie heute einfach nur eines: puren Genuss am Cruisen verbreiten. In einer sonst so hektischen Welt wird die Fangemeinde dieser Bikes immer größer und deshalb ist es kein Wunder, dass BMW sich selbst – und ein bisschen auch uns – zum 90. Geburtstag einen solchen Retro-Racer schenkt. Dabei versucht die R nineT (das steht übrigens für 90), den Spagat zwischen klassischen Vorbildern und moderner Technik zu schaffen.

Schon beim ersten Anblick wird klar: Entgegen allen Befürchtungen hat man nicht einfach nur altes Design und neue Features in einen Mixer geworfen und zugesehen, was herauskommt. Ganz in Schwarz gehalten – es kann übrigens keine andere Farbe geordert werden – wirkt die nineT extrem minimalistisch und doch knackig. Lediglich die massive 46-Millimeter-Upside-down-Gabel, die von der S 1000 RR übernommen wurde, die handgebürsteten Flanken des Aluminium-Tanks (auf den ist man in München ganz besonders stolz) und der verchromte Ansaugstutzen bilden dazu einen Kontrast. Außerdem besticht sie durch Details wie das genietete Blech-Typenschild am Steuerkopf. Wie von alleine beginnen unsere Hände über die edlen Oberflächen und den schmalen Custom-Fahrersitz zu wandern. Besser kann man klassische und moderne De- signelemente kaum mischen.

Schnell erklimmen wir also das doch sehr schmal ausgefallene Sitzbrötchen (ob der auch für lange Touren taugt?) und drücken aufs Knöpfchen. Und da ist es schon. Das herrliche Vibrieren des Lenkers im Takt des BMW-Boxers. Übrigens handelt es sich dabei wirklich um den alten Luftboxer und das ist gut so, denn er passt dank des sanften Pulsierens besser zur nineT als der Wasserboxer. Obendrein wird jeder Gasstoß vom kernigen Sound der doppelläufigen Auspuffanlage begleitet.

Also ab auf die Landstraße: Kraftvoll schiebt der Motor schon bei niedrigen Drehzahlen an, dreht geschmeidig hoch und hängt dazu perfekt am rechten Handgelenk. So wird jedes Beschleunigen zum wahren Fest. Lang gezogene Kurven mit ordentlich Schräglage stehen der nineT genauso gut wie schnelles Kurvengewusel. Allerdings muss man manchmal etwas kräftiger am Hebel ziehen, um sie in Schräglage zu drücken. Die nineT wäre halt keine BMW, wenn sie nicht auch fahrdynamisch am Puls der Zeit wäre. Aber auch bei verhaltenerer Gangart macht das Bike extrem Spaß und vor allem ist da ja immer noch der vollmundige Klang.

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Passend zum Charakter ist die leicht nach vorn geneigte Sitzposition – einfach echtes Roadster-Feeling. Ebenso makellos funktioniert das Getriebe. Das Sortieren der Gänge gelingt butterweich. Lediglich der Zug am linken Hebel erfordert etwas mehr Kraft. Das liegt allerdings daran, dass man auch hier auf sämtliche Elektronik verzichtet hat. Die spielt bei der nineT überhaupt eine untergeordnete Rolle. Es gibt kein elektronisches Fahrwerk, keine Traktionskontrolle und auch keine Fahrmodi. Für unseren Geschmack hätte man auch auf die digitale Anzeige zwischen den hübschen analogen Rundinstrumenten verzichten sollen. Doch das ist Jammern auf hohem Niveau. Dass die nineT dann doch 17.400 Euro kostet, scheint angesichts der Verkaufszahlen auch nicht wirklich zu stören.


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