Die Absurdität der Etikette

Nach der heutigen Vorpremiere im Open-Air-Kino kommt Amma Asantes politisches Historiendrama „Dido Elizabeth Belle“ am Wochenende in die Kinos.

Von Peter Angerer

Innsbruck –In Steve McQueens „12 Years A Slave“ ließ sich der Musiker Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) von angeblichen Förderern seiner Kunst zu einer Karaffe Wein einladen und erwachte anderntags – in Ketten gelegt – als Sklave. Um seine Lage auf Zuckerrohr- und Baumwollplantagen nicht zu verschlechtern, musste er seine freie Herkunft verbergen. Der Film über die mit größter Grausamkeit einem Menschen zugefügten Qualen wurde ein Welterfolg und konnte in der diesjährigen Oscarnacht triumphieren, auch weil sich die Geschichte in der Mitte des 19. Jahrhunderts genau so ereignet hat. Northups Entführer wurden nie verurteilt, denn in den Nordstaaten gab es zwar keine Sklaverei, aber ein Farbiger durfte auch dort vor einem Gericht nicht gegen ein Weißen aussagen.

In England hatte Lord Mansfield als Lord Chief Justice, als Oberster Richter und damit „mächtigster Mann nach dem König“, bereits 1772 seine „Abscheu“ vor der Sklaverei in seinem „Somersett-Urteil“ formuliert, indem er die Klage eines Regierungsbeamten abwies, der die Rückgabe seines befreiten Sklaven einklagte. Lord Mansfield fand allerdings kein Gesetz, das die Klage unterstützen konnte und befreite mit seinem Urteil alle 15.000 in England lebenden Sklaven. Tatsächlich hatten sich die Nutznießer der Sklaverei blauäugig auf ein Gewohnheitsrecht berufen. Damit blieb den Briten nur noch der Sklavenhandel als lukratives Geschäft, das Lord Mansfield zehn Jahre später 1782 mit seinem wegweisenden Urteil in der „Zong-Affäre“ beendete, indem er erstmals Sklaven aus Afrika als „menschliche Wesen“ definierte. In ihrem Film „Dido Elizabeth Belle“ erzählt die britische Regisseurin Amma Asante die Familiengeschichte Lord Mansfields und verzichtet aus dramaturgischen Gründen auf die Erwähnung des „Somersett-Urteils“.

Lord (Tom Wilkinson) und Lady Mansfield (Emily Watson) haben mit ernsthaften Vorbehalten die Tochter ihres Neffen John Lindsay adopiert. Der Kapitän der Royal Navy hatte Dido Elizabeth Belle (Guru Mbatha-Raw) mit einer Sklavin gezeugt. Nach seinem Tod wurde sie die Erbin eines beachtlichen Vermögens, blieb aber eine „Mulattin“.

Der Etikette und den Konventionen des Adels folgend darf die junge Frau ihre Mahlzeiten wegen ihrer Hautfarbe nicht mit der Familie einnehmen. Die Tischgesellschaft der Dienerschaft bleibt ihr wegen des gesellschaftlichen Ranges verwehrt. Ähnlich absurd gestalten sich auch die Verhandlungen über eine Eheschließung. Der verarmte Adlige Oliver Ashford (James Norton) würde angesichts der Mitgift über den „Makel“ der Hautfarbe hinwegsehen, während der ungleich liebenswertere Pastorensohn John Davinier (Sam Reid) aus Standesgründen nicht in Frage kommt. Davinier, ein Anhänger der Abolitionisten, ist es auch, der sich in einen Fall einmischt, über den Lord Mansfield gerade zu entscheiden hat und der Englands Establishment zu spalten droht, da der Niedergang Englands als Handelsmacht bevorsteht.

Als am 6. September 1781 das englische Sklavenschiff Zong die afrikanische Küste verließ, lagen 440 Sklaven, Männer, Frauen und Kinder, wie Tiere aneinandergekettet im Laderaum, der üblicherweise nur die Hälfte dieser Fracht aufnehmen konnte und erfahrungsgemäß den Ausbruch und die Übertragung von Krankheiten begünstigte. Wegen einer Flaute zog sich die Fahrt in die Länge, doch bevor die Zong den Zielhafen erreichte, ließ der Kapitän Luke Collingwood 132 erkrankte und damit wertlos gewordene Sklaven über Bord werfen, da das Ladegut mit 30 Pfund pro Kopf versichert war. Bei einer ersten Verhandlung war die Versicherung verurteilt worden, dem Liverpooler Schiffseigner den Schaden zu ersetzen. Im März 1783 entschied Lord Mansfield in der Berufungsverhandlung auf Versicherungsbetrug, da die Sklaven nicht als Frachtgut zu betrachten seien und keines natürlichen Todes gestorben waren.

Amma Asante verknüpft auf anrührende Weise das Historiendrama mit dem Rechtsstreit, dessen glücklicher Ausgang Politik und Handel veränderte – nur Frauen blieben weiterhin Eigentum der Ehemänner.


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