Die Kinder von Gaza kämpfen mit ihren seelischen Verletzungen

Mehr als 450 Kinder mussten im Gaza-Krieg bereits ihr Leben lassen, Hunderttausende haben seelischen Schaden davongetragen. Die UNO-Mittel für die Therapie traumatisierter Kinder sind knapp.

Von Guillaume Lavallee, AFP

Gaza – Wer dieser Tage im Gazastreifen einem Kind Malsachen in die Hand gibt, erhält oft ein Bild des Grauens zurück. Furchtbare Szenen von Tod und Zerstörung, die tief in ihren Erinnerungen sitzen.

In einer UNO-Schule, die im stark zerstörten Ort Jabaliya derzeit Hunderte Flüchtlinge beherbergt, greifen die zwei Betreuerinnen trotzdem zu Papier und Buntstift und fordern die zappeligen Kinder auf, zu zeichnen, was ihnen durch den Kopf geht. Der neunjährige Jamal Diab wählt als Motiv seinen toten Großvater.

Der Bub mit dem braun-rötlichen Haar wispert schüchtern: „Vor ein paar Tagen hat ein Flugzeug Bomben auf unser Haus geworfen. Wir mussten schnell weg und alles da lassen. Das war gefährlich.“ Unter das Bild seines getöteten Opas hat Jamal geschrieben: „Ich bin traurig wegen der Märtyrer“. So werden hier alle Menschen genannt, die im scheinbar ewigen Konflikt mit Israel ums Leben kommen.

Auf dem Bild des siebenjährigen Bara Marouf ist ebenfalls dessen Großvater zu erkennen – er hat nach einem Luftangriff keine Beine mehr. Im Zeichensaal hängt eine Kinderzeichnung neben der anderen, darauf immer wieder ein zerstörtes Haus am Boden und ein Flugzeug in der Luft. Eine der beiden geduldigen, aber sichtbar erschöpften Betreuerinnen fragt die im Kreis vor ihr sitzenden Kinder, wer Angst vor Flugzeugen habe. Die Hände schnellen in die Höhe: „Ich“, „Ich“, „Ich“.

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Hunderttausende Kinderseelen brauchen dringend Hilfe

Nach jüngsten Angaben des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF sind seit dem erneuten Ausbruch des Gaza-Konflikts vor bald fünf Wochen mehr als 450 Kinder im Gazastreifen getötet worden. Fast 3000 wurden verletzt und die Zahl der kaputten kleinen Seelen geht in die Hunderttausende.

„Was diese Kinder durchmachen, ist extrem“, sagt der Psychologe Iyad Sakout, der für die UNO im Gazastreifen ein Programm für mentale Gesundheit leitet. „Für sie ist es extrem schwer zu verstehen, was passiert, warum sie von zu Hause fliehen müssen und warum ihr Leben in Gefahr ist“, sagt Sakout.

Auf aktuell 373.000 schätzt der UNO-Nothilfekoordinator die Zahl derjenigen Kinder, die psychologische Hilfe brauchen. Viele von ihnen haben schon die Bombenangriffe im Herbst 2012 und die israelische Bodenoffensive im Jänner 2009 miterlebt. In den UNO-Einrichtungen stehen aber keine hundert Betreuer für mehr als hunderttausend Kinder zur Verfügung, deren Familien dort Zuflucht gesucht haben. Einzelsitzungen oder eine Anschlusstherapie gibt es nur für die Schwerstgeschädigten.

Bescheidene Hilfsmittel

Dabei wäre dringend mehr Hilfe nötig. Sakout diagnostiziert bei vielen der kleinen Heranwachsenden ausgewachsene Depressionen oder ein posttraumatisches Stresssyndrom, wie es vor allem Veteranen aus dem Krieg mit nach Hause bringen. „Traumatische Ereignisse verursachen eine kognitive Störung“, erklärt Sakout. Die derart gestörte Wahrnehmung könne dazu führen, dass die Kinder sich selbst oder ihren Angehörigen die Schuld für das Erlebte gäben, sagt der UNO-Psychologe. „Wir versuchen diesen negativen Gedanken entgegenzutreten.“

Mit welch bescheidenen Mitteln das funktioniert, ist in Jabaliya zu beobachten. Die beiden Betreuerinnen fordern die Kinder auf, von ihren Plätzen aufzuspringen und ganz laut zu schreien. Dann sollen sie mit den Händen in der Luft wedeln, um den angestauten Stress, ihren Frust und die düsteren Bilder aus ihren jungen Köpfen zu vertreiben.


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