Wenn links nicht recht ist

Noch vor 30 Jahren wurden linkshändige Kinder umerzogen. Der heutige Weltlinkshändertag soll zeigen, dass die Welt immer noch auf Rechtshänder ausgelegt ist.

Von Miriam Hotter

Innsbruck –Als die heute 62-jährige Marina Neumann in die Schule kam, wartete eine Überraschung auf sie. Die Berlinerin sollte Stifte zum Malen und Schreiben in die rechte Hand nehmen, obwohl sie eigentlich Linkshänderin war. „Im Kindergarten zeichnete ich immer mit links. Also wollte ich auch mit der linken Hand Schreiben lernen, doch das war unmöglich“, erzählt die Psychotherapeutin. Ihre Lehrerin bestand buchstäblich darauf, dass sie ihre Hand „links liegen“ lasse. Die Erklärung: weil alle mit rechts schreiben würden.

Die 62-Jährige ist nicht die Einzige, die in ihrer Kindheit zum Schreiben mit der rechten Hand gezwungen wurde. Bis in die 1960er-Jahre war es üblich, Linkshänder umzupolen. „Es war ein schreckliches Gefühl“, erinnert sich Neumann. Die Umschulung bereitete ihr viele Schwierigkeiten. „Ich konnte meine Kraft nicht richtig dosieren und drückte meine Füllfeder viel zu fest an“, nennt sie ein Beispiel. Dabei sei ihr die Feder nicht nur einmal abgebrochen, was für Diskussionen mit ihren Eltern und Lehrern sorgte. „Mir machte das Schreiben keinen Spaß. Das hat sich dann auf die ganze Schule übertragen.“

Heute gilt die Umschulung von Kindern juristisch gesehen als Körperverletzung. Und das nicht ohne Grund: Häufig leiden Betroffene ein Leben lang unter der „pädagogischen Maßnahme“, wie das Umschulen früher gerechtfertigt wurde. Stottern, Wortfindungsprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten können Folgen sein. „In einzelnen Fällen leiden umgeschulte Personen unter Identifikationsproblemen und Depressionen“, sagt Neumann.

Sogar Essstörungen können in einer unterdrückten Linkshändigkeit ihren Ursprung finden. Und sie muss es wissen. Tagtäglich hat Neumann mit umgeschulten Menschen zu tun. Mit 47 Jahren hat sie sich wieder auf ihre linke Hand umgeschult und hilft nun anderen, ihre „natürliche“ Hand zu benutzen. Denn: Links- oder Rechtshändigkeit ist angeboren. Offizielle Statistiken sagen, dass zwischen zehn und 20 Prozent der Menschen Linkshänder sind. „Die Dunkelziffer liegt aber weit darüber“, ist sich Neumann sicher. Und Experten geben ihr Recht. Viele Forscher gehen davon aus, dass die Verteilung bis zu 50 Prozent betragen könnte – wenn sich jeder so entwickeln dürfte, wie er ist.

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Doch das ist nicht der Fall, wie Andrea Hayek-Schwarz vom Verein „Linkehand“ in Wien weiß. „Noch immer ist unsere Gesellschaft auf Rechtshänder ausgelegt“, sagt sie. Zwar gebe es bereits viele Gegenstände wie Scheren oder Dosenöffner für Linkshänder, doch die Problematik fange schon im Kleinkindalter an. Die Eltern würden den Fokus unbewusst auf die rechte Hand legen. „Sie legen ihren Kindern zum Beispiel den Löffel automatisch auf die rechte Seite“, erzählt die Linkshänderberaterin. Auch bei Kinderhochstühlen sei die Vertiefung für den Trinkbecher auf der rechten Seite. „Sie könnte genauso gut in der Mitte sein“, sagt Hayek-Schwarz.

Ihre persönliche „Mitte“ hat Neumann endlich gefunden. „Seit ich wieder mit links schreibe, geht es mir besser. Ich fühle mich befreiter und glücklicher“, sagt sie. Rund eineinhalb Jahre habe die Umschulung gedauert. Zuerst trainierte sie mit Vorübungen wie einfachen Kritzeleien ihre Feinmotorik. Später entwickelte sie ein Lern-Schreib-Programm, das an jenes in Volksschulen erinnert. „Man malt am Anfang Buchstaben und Wörter nach und übt somit die Schrift mit der linken Hand, bis man flüssig schreiben kann“, so die Berlinerin.

Heute schreibe sie so, als hätte sie schon immer ihre linke Hand dafür benutzt. Kein Wunder, sie ist eben Linkshänderin – und zwar nicht nur eigentlich.


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