Türkei-Wahl - Erdogan-kritische Austrotürken machen sich Sorgen

Ankara/Wien (APA) - Nach dem Wahlsieg von Recep Tayyip Erdogan bei der Präsidentschaftswahl in der Türkei machen sich einige der Austrotürke...

Ankara/Wien (APA) - Nach dem Wahlsieg von Recep Tayyip Erdogan bei der Präsidentschaftswahl in der Türkei machen sich einige der Austrotürken Sorgen um die Zukunft der Türkei. Ihrer Meinung nach könnte die Islamisierung nun noch mehr vorangetrieben werden und autoritäre Tendenzen die Oberhand gewinnen.

„Was soll Ich Ihnen sagen, ich bin natürlich nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft des Landes und ich habe auch ein bisschen Angst. Aber es war eine demokratische Wahl und die Mehrheit der Türken hat entschieden und das ist zu respektieren“, meint Meltem Bingöl, eine Austrotürkin, die derzeit in Istanbul auf Urlaub weilt, am Montag im telefonischen Gespräch mit der APA.

Die Controllerin, die die Österreichische Schule in Istanbul abgeschlossen und danach Wirtschaftswissenschaften in Wien studiert hat, kann der Wahl aber auch etwas Positives abgewinnen: „Wissen Sie, es gibt zumindest diese 35 Prozent, die den konservativen Gegner Erdogans und die fast 10 Prozent, die den prokurdischen Kandidaten gewählt haben. Das heißt, dass fast die Hälfte der Türken nicht Erdogan gewählt hat“, unterstreicht sie.

Allgemein ist die Stimmung bei den Kritikern nach dem erwarteten Erdogan-Triumph eher resignierend. Dementsprechend artig spielte sich der Österreich-Wahlkampf der Erdogan-Gegner ab. „Erdogan spaltet die türkische Bevölkerung. Wir hüten unsere Zungen, um Ruhe hineinzubringen“, sagte Mehmet Alpman, der Obmann-Stellvertreter des heimischen oppositionellen CHP-Ablegers (Cumhuriyet Halk Partisi) kurz vor der Wahl. Generell sei die Stimmung „sehr angespannt“.

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Ähnlich wie Bingöl argumentiert Emre D. aus Ottakring. Er repräsentiert auf dem Brunnenmarkt den Teil der Austrotürken, die Erdogans Wahl als ein „weiteres dunkles Kapitel in der Geschichte ihrer Heimat“ sehen. Seinen Nachnamen will Emre „lieber nicht“ nennen. Er weist auf die tiefen Gräben innerhalb der türkischen Community in Wien hin. Entweder die Austrotürken lieben und vergöttern den AKP-Chef oder sie verabscheuen ihn. Dazwischen gibt es nichts.

„Jetzt ist genau das passiert, was sich ohnehin abgezeichnet hat. Erdogan hat die wichtigen Schalthebel der Macht in der Hand und wird regieren wie ein Diktator und wie Sultan Süleyman. Es wird nicht nur die Islamisierung vorantreiben, sondern auch eine Entfernung von unserem Demokratieverständnis“, erklärt Emre enttäuscht.

Die grüne Nationalratsabgeordnete Alev Korun meinte im Gespräch mit der APA, dass Erdogan, für den 52 Prozent der Wähler gestimmt hätten, in einer Siegesrede gefordert hätte, dass man die Spaltungen und Kränkungen hinter sich lassen solle. Gleichzeitig habe er selbst in seinem Wahlkampf die politischen Mitbewerber mehrfach diffamiert.

„Die Spaltung von Menschen nach ihrer Religionszugehörigkeit, wie zum Beispiel der wiederholte Hinweis auf die alevitische Herkunft seines Polit-Konkurrenten, dienen nicht dazu, Spaltungen hinter sich zu lassen. Autoritäre Tendenzen sind in den vergangenen Jahren sichtbar geworden. Sein Versöhnungsaufruf muss durch Taten belegt werden“, forderte Korun.


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