„Supergeil“: Nach der Einkaufstour auf Kur

In der glitzernden Werbewelt ist der Künstler ein Star. Friedrich Liechtenstein legt ein Konzeptalbum vor.

Von Silvana Resch

Innsbruck –Nach dem ganzen Rummel müsse Herr Liechtenstein erstmal eine kleine Pause einlegen, Interviews gebe es zurzeit keine, erteilt das Management eine Absage. Verständlich, hat der gelernte Puppenspieler, Theatermacher und Künstler Anfang des Jahres doch in schwindelerregend kurzer Zeit erreicht, wovon viele seiner Kollegen vergeblich träumen: Internationale Bekanntheit und Kultstatus – selbst in den USA. Als singender Hauptdarsteller verhalf der 58-Jährige einem Werbespot der deutschen Supermarktkette Edeka im Februar zu ungeahnter Viralität. „Super-Uschi, Super-Muschi, Super-Sushi, Supergeil“, rappte der „Flaneur“ in diesem Klick-Hit mit tiefer Stimme.

Der „Supergeil“-Spot, in dem Liechtenstein auf Shoppingtour geht, durch fremde Wohnzimmer spaziert und in H-Milch badet, wurde seitdem mehr als elf Millionen Mal aufgerufen. Für das US-amerikanische Webmagazin Slate Grund genug, die deutsche Werbeindustrie ob ihrer Lässigkeit zu feiern. Am Höhepunkt der Euphorie wurde der Clip in den USA gar mit Psys „Gangnam Style“ verglichen. Die gewiefte Werbekampagne lieferte zudem Youtube-Grußbotschaften für „supergeile“ Kollegen, Frauen, Männer und Geburtstagskinder. „Der nächste Job ist, das Image wieder loszuwerden“, sagte der Künstler im März in einem Fernsehinterview und verordnete sich eine Kur im „Monaco der Alpen“.

„Bad Gastein“, so der Titel seines Ende Juli veröffentlichten Konzeptalbums, feiert die verblichene Grandezza des Kurortes in all ihren Facetten. Ein Ort, an dem schon Könige und Hirsche von den radonhältigen Quellen geheilt wurden, wie eine italienische Frauenstimme – von Streichern untermalt – zu Beginn des Albums verkündet. Zehn ironisch-melancholische Pop- nummern sind auf „Bad Gastein“ vereint, der Sound – irgendwo zwischen Italodisco, Trash und filmmusikartiger Collagen pendelnd – wurde vom Berliner Producer- und Künstlerduo Carl Schilde und Anselm Venzian Nehls aka Heavylistening kreiert. Friedrich Liechtenstein, der zuvor als Hans-Holger Friedrich eine Bühnenkarriere verfolgte, entführt den Hörer in eine Welt, in der er sich als „Kommissar d’Amour“ Abfuhren einholt, als Delphinmann wiedergeboren wird oder es als 72-Jähriger als Gogo-Tänzer versucht.

Der Werbung hat der wortgewandte Berliner Bohèmien zu Eleganz verholfen. Möge der morbide Glanz des Albums diesen Abstecher bald wieder überstrahlen.

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