Hürden-Hoffnung Schrott: „Frauen sind einfach zielstrebiger“

Die Tirolerin Kira Grünberg (20) startet heute in ihre erste Leichtathletik-Europameisterschaft. An der Seite von Olympia-Finalistin Beate Schrott sprach sie vorab über Ziele, Träume und Geschlechtervorteile.

Zürich – Im Züricher Letzigrund-Stadion wird an diesem Montag gewerkt und gehämmert, was das Zeug hält. Fast wie ein frisch geschlüpftes Kücken wirkt der Schauplatz der Leichtathletik-EM am letzten Tag, ehe es heute ernst wird für den ersten Teil der 1439 Athleten. Darunter auch zwei Österreicherinnen, die mitten in den Aufbauarbeiten in einem leeren Raum zum TT-Interview Platz nehmen: Tirols Stabhochspringerin und EM-Debütantin Kira Grünberg (20) und Hürdensprinterin Beate Schrott (26).

Frau Schrott, Frau Grünberg – wenn man sich die Erfolgsgeschichte Österreichs mit Stephanie Graf oder Liese Prokop ansieht, sorgten meistens Frauen in der Leichtathletik für Medaillen. Woran liegt das?

Kira Grünberg: Hmm, gute Frage. Wir haben das gerade erst bei den Staatsmeisterschaften in Innsbruck diskutiert. Da gab es sechs Medaillen für Tirol, und keine davon war von den Burschen.

Beate Schrott: Frauen sind einfach zielstrebiger. Bei Männern muss immer auch eine Gaudi dabei sein. Ich für meinen Teil habe das Gefühl, dass Frauen eine Sache durchziehen, wenn sie das wirklich wollen.

TT-ePaper gratis testen und 2 VIP-Tickets für das Electric Love Festival gewinnen

Electric Love Festival

Ist die Dichte bei den Herren nicht größer?

Grünberg: Nein, bei Frauen und Männern ist das gleich. Bei den Männern gibt es speziell im Stabhochsprung mehr Ausreißer nach oben, das gibt es heuer bei den Frauen nicht. Da sind viele gleich weit. Deshalb ist die Dichte größer.

Schrott: Und übrigens: Es gilt ja nicht für alle Männer.

Grünberg: Ich entscheide selbst, wann ich aufwärmen gehe und frühstücke. Bei den Männern organisieren das meistens noch die Trainer. Da entscheidet manchmal der Papa, was gemacht wird. Ich sage dagegen selbst: Ich stehe morgen um 6.30 Uhr auf und will das und das machen.

Schrott: Seht ihr: Frauen wissen, was sie wollen (lacht).

Also sind Leichtathletinnen selbstständiger, oder?

Schrott: Ich will nicht alle über einen Kamm scheren. Aber ich habe schon das Gefühl, dass die, die den Sprung nicht schaffen, auch gerne mal feiern gehen. Vielleicht ist das auch das Problem.

Was nun Sie beide betrifft im Hinblick Erfolg, ist die Ausgangslage für die EM in Zürich sehr unterschiedlich. Welche Erwartungen haben Sie an sich selbst?

Schrott: Ich habe mich schon nach dem ersten Bewerb heuer verletzt und musste neun Wochen aussetzen (Muskelverhärtung, Anm.). Deshalb würde es mich freuen, wenn ich ins Semifinale komme. Aber die anderen haben nicht geschlafen – und ich fühle mich so, als wäre ich in einen Dornröschenschlaf gefallen.

Grünberg: Die Bedingungen hier sind super, die Anlaufbahn ist relativ schnell. Deswegen bin ich als schnellere Läuferin bevorzugt, kann härtere Stäbe verwenden und höher springen. Für das Finale muss ich wohl 4,45 Meter springen. Wenn alles passt, dann ist das drinnen. Mein Ziel ist daher das Finale.

Wie schwierig wird es, dieses Finale zu erreichen?

Grünberg: Sehr schwierig. So ein starkes Feld war noch nie bei einer EM dabei. Aber wenn einige patzen und ich das nötige Glück habe, dann klappt das schon. Ich schnuppere hinein und gebe alles. Der Zeitpunkt passt perfekt.Frau Schrott, was sagen Sie dazu, dass Frau Grünberg kurz davor steht, sich in der Weltklasse zu etablieren?

Schrott: Ich glaube, dass der Sprung von der U 23 in die allgemeine Klasse extrem schwierig ist. Das hat Kira super geschafft. Und das Umfeld scheint auch zu passen.

Grünberg: Das Umfeld ist das Wichtigste. Die Familie und Freunde müssen hinter dir stehen, wenn du 80 Prozent des Jahres unterwegs bist.

Frau Grünberg, Sie trainieren ja öfters in der Schweiz. Ist das ein Heimvorteil?

Grünberg: Ja, schon. Zum Beispiel der Getränkeautomat im Hotel ist der gleiche wie im Trainingslager. Es ist auch die Schweizer Mentalität, die anders ist als in Österreich. Das gefällt mir sehr gut.

Zum Schluss noch eine andere Frage: Der deutsche Weitspringer Markus Rehm darf mit Unterschenkelprothese nicht starten. Finden Sie das in Ordnung?

Schrott: Bei Oscar Pistorius habe ich mir noch gedacht, wie kann man sagen, dass das ein Vorteil ist, wenn zwei Unterschenkel fehlen. Aber es stimmt, dass man die Prothesen sehr stark aufrüsten kann. Nachdem ich gehört habe, wie weit Rehm gesprungen ist, war es wohl gut, diese beiden Dinge zu trennen.

Grünberg: Man kann den Vorteil nicht messen, weil keine Muskeln vorhanden sind. Es ist schwierig, aber der Weltverband entscheidet darüber.

Das Gespräch führte Roman Stelzl


Kommentieren


Schlagworte