Ensemble oder Gastsänger? Die deutschen Opernhäuser im Wandel

Hannover (APA/dpa) - Ein eigener Otello ist schon etwas Besonderes. Und selten. Einen solchen Sänger hat nicht jedes Opernhaus im Ensemble. ...

Hannover (APA/dpa) - Ein eigener Otello ist schon etwas Besonderes. Und selten. Einen solchen Sänger hat nicht jedes Opernhaus im Ensemble. Eigenes Ensemble? Auch keine Selbstverständlichkeit mehr, wie das Beispiel Wuppertal zeigt: Intendant Toshiyuki Kamioka hat dort die Verträge der Sänger sowie des künstlerischen Personals vom Dramaturgen bis zur Theaterpädagogik nicht verlängert.

Jetzt plant er mit Gastsängern und einem Spielplan nach dem Stagione-Prinzip - eine Oper wird nach der Premiere einige Male gespielt und dann abgesetzt. Das ist nicht neu und in vielen Ländern üblich. Was spricht also für das eigene Ensemble?

Zunächst einmal, dass es da ist - wie in Hannover. Der Intendant der dortigen Staatsoper, Michael Klügl, ist stolz darauf, auch besonders anspruchsvolle Werke mit dem eigenen Sängerensemble stemmen zu können. Welche Werke das sind? Richard Wagners „Ring“-Tetralogie gehört dazu - und eben Verdis „Otello“. Aber selbst solche technisch hoch anspruchsvollen Musikdramen, die Stimmen mit Durchschlagskraft und immensem Stehvermögen erfordern, konnte einst selbst so manches kleine Haus mit eigenen Kräften besetzen. Nur ist das lange her.

„Es geht schon etwas verloren“, meint der Musikkritiker und Autor Jürgen Kesting. Nur erlaubten die ökonomischen Strukturen eben nicht mehr, größere Ensembles zu halten. Und: „Wenn die Leute gut genug sind, große Partien zu singen, können sie sie in aller Welt singen.“ Das Ergebnis ist ein kleiner Reisezirkus von Stars, die sich alle Bühnen händeringend wünschen.

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Doch was ist mit der Bindung des Publikums, fragt Rolf Bolwin? Das Publikum will seine Sänger sehen, wie der geschäftsführende Direktor des deutschen Bühnenvereins erklärt. Setzt ein Theater in erster Linie auf Gastsänger, kann es schwierig werden: Denn nur die Ensemblesänger wissen, „was das Publikum in einer Stadt mag und was es nicht mag“. Ein Ensemble hat für den Sänger auch den Vorteil, sozial abgesichert zu sein und eine künstlerische Heimat zu haben.

Dazu kommt: Das Stagione-Prinzip rechne sich in Deutschland eigentlich nicht - sicher seien weniger Vorstellungen günstiger, aber Orchester, Chor und auch die Technik wären „völlig unterbeschäftigt“, erklärt Bolwin. Im Ensemble seien rund 150 Vorstellungen pro Jahr möglich, mit Gästen nur etwa 60 bis 65.

„Es hat Zeiten gegeben, da ein Ensemble bestimmte Werke 20- bis 30-mal im Laufe von Jahren mit der weitgehend gleichen Besetzung gespielt hat“, sagt Kesting. „Da war auch eine größere Harmonie drin, ein größerer Zusammenhalt des Ensembles. Man kannte sich, man wusste, wer wann atmet.“ Zwar könne es ein Vorteil sein, ein gutes Ensemble von Gästen zusammenzuholen. Aber die Ensemble-Kunst Hannovers ist ihm lieber: „Ich finde das, was da gemacht wird, zum Teil unheimlich gut.“ Keine Stars, aber glänzendes Theater.

Insgesamt seien die Ensemble in den vergangenen 20 bis 30 Jahren überall geschrumpft, schätzt Intendant Klügl. Auch in Hannover. „Trotzdem sind wir immer noch eines der größten Ensembletheater hier in Deutschland.“ Konkret: 34 Stellen in der Oper und 180 bis 190 Abende, dazu kommen 6 Sänger der Jungen Oper, wo 60 Vorstellungen gegeben werden. In Bremen, wo er vor fast 30 Jahren angefangen habe, sei das Ensemble damals noch beinahe doppelt so groß gewesen wie heute. „Das ist keine gute Entwicklung.“

Gäste seien in Hannover die Ausnahme - angesichts des personell gut ausgestatteten Ensembles. Das einige Möglichkeiten bietet: Wagners „Ring“ hat Klügl gemacht, weil er merkte, „dass unser Ensemble dann so weit sein wird“. Denn seine Sänger wollen arbeiten, Rollen lernen, singen: „Das sind hungrige Menschen, die möchten auf der Bühne stehen.“ So setzt er auch spezielle Werke wie Rossinis „Il viaggio a Reims“ mit seinen zehn Hauptrollen auf den Spielplan. Nur einen Otello, den finde man fast nie im Ensemble.

Nach Kestings Einschätzung gibt es durchaus deutsche Häuser mit einem Basis-Ensemble für kleine und mittlere Partien. Sieht man sich aber die Besetzungslisten der Riesenwerke an - etwa „Frau ohne Schatten“ oder „Elektra“ von Richard Strauss oder die großen Wagner- und Verdi-Opern -, dann singen oft nur noch Gäste. Bedauernd sagt er: „Die Zeiten, da Häuser wie Köln, Düsseldorf, Berlin, Hamburg, München, Stuttgart große Partien aus dem eigenen Ensemble besetzen konnten, sind vorbei und kommen auch nicht wieder.“


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