„Versuch am Menschen“: WHO empfiehlt unerprobtes Ebola-Mittel

Der Einsatz des Medikaments ZMapp zur Ebola-Bekämpfung wird vom Wiener Tropenarzt Herwig Kollaritsch kritisiert. Es gebe kaum Studien über dessen Wirksamkeit. Den Betroffenen mache man damit falsche Hoffnungen.

Krankenhauspersonal in Liberia mit Ganzkörperanzügen.
© EPA

Wien/Freetown/Conakry - Den aktuellen Hype um experimentelle Therapien gegen das Ebola-Virus sieht der Wiener Tropenmediziner (MedUni Wien) Herwig Kollaritsch eher kritisch. „Die Anwendung dieses Präparats mit humanisierten monoklonalen Antikörpern ist etwas, das einem Versuch am Menschen entspricht“, sagte er am Dienstag.

Am Vormittag empfahl ein international besetztes Ethikkomitee der (WHO) in Genf auch die Verwendung experimenteller Ebola-Therapien. „Das Expertengremium hat Konsens darüber erzielt, dass es ethisch ist, unter den besonderen Umständen dieses Ausbruchs sowie unter Einhaltung bestimmter Bedingungen unerprobte Mittel mit bisher unbekannten Nebenwirkungen als potenzielle Therapie oder zur Vorbeugung anzubieten“, hieß es in einer Aussendung der Organisation.

Für den erfahrenen Wiener Tropen- und Reisemediziner ergibt sich aber ein klassisches Dilemma. „Erstens kann die WHO keine Medikamente zulassen. Auch wenn sie das empfiehlt, muss jeweils die Arzneimittelbehörde eines Landes, zum Beispiel die amerikanische FDA, diese Zulassung erteilen.“

Verfrühte Hoffnung

Derzeit gehen speziell rund um ein experimentelles Präparat - ZMapp (Mapp Biopharmaceutical/San Diego, Kalifornien) - die Wogen hoch. Dieses hatten zunächst zwei US-Ebola-Patienten und ein erkrankter spanischer Priester erhalten. Letzterer starb am Dienstag in Madrid. Das Mittel soll auch nach Liberia gehen. Doch die Hoffnung, die Ebola-Krise in Westafrika auf diesem Weg einzudämmen, dürfte zumindest wesentlich verfrüht sein.

„Dieses Gemisch aus humanisierten monoklonalen Antikörpern wurde noch nicht einmal an ‚humanen‘ Primaten (z. B. Schimpansen, Anm.) erprobt. Es gibt nur Studien mit Primaten, die noch weit vom Menschen entfernt sind. Man weiß nicht, ob das wirkt. Es gibt keine Studie zur Dosisfindung. Man weiß nicht, wann man das Mittel am besten anwendet und wie lange“, sagte Kollaritsch. Wenn jemand nach einer Ebola-Erkrankung gesunde, der das Mittel bekommen hätte, wisse man nicht, ob es sich um einen Effekt der „Therapie“ oder um eine Spontanheilung gehandelt hätte. Das könne nur in entsprechenden klinischen Studien wissenschaftlich belegt werden.

Auch potenzielle Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Analoge Schlüsse zu anderen Arzneimitteln aus humanisierten monoklonalen Antikörpern sind jedenfalls kein gesichertes Wissen zu ZMapp oder anderen experimentellen Therapien oder Impfstoffen. Und selbst wenn man das Präparat in der derzeitigen Situation zur Anwendung freigebe, sei eine echte Eindämmung des Ebola-Ausbruchs dadurch bzw. die Heilung vieler Patienten dadurch kaum zu erwarten, meinte der Experte. „Die Produktion solcher Arzneimittel benötigt Zeit.“

Für Tierversuche und kleine klinische Studien kann das im Labormaßstab erfolgen. Doch eine industrielle Biotech-Produktion ist hoch kompliziert, aufwendig - deren Aufbau braucht Zeit. ZMapp wird auf der Basis von genetisch veränderten Tabakpflanzen produziert. Das Verfahren stammt ursprünglich von der Universität für Bodenkultur in Wien.

Experte: Klassischer Weg am wirkungsvollsten

Für Kollaritsch sind die klassischen Mittel der Seuchenhygiene der beste Weg, um Ebola zu begegnen: Finden und Isolierung von Erkrankten, Identifizierung von Kontaktpersonen, Information der Bevölkerung, Propagierung von Vorsorgemaßnahmen etc. „Das hat in der Vergangenheit ja auch funktioniert. Auf diese Weise sind die etwa 25 Ebola-Ausbrüche unter Kontrolle gebracht worden, die es bisher gab.“

Freilich, ob das auch in Westafrika funktioniert, ist mehr als fraglich. „Dort ist ja ein Grenzgebiet von drei Ländern betroffen“, sagte der Tropenmediziner. Es gehe um Riten, Traditionen, Armut und ein tiefes Misstrauen der dort lebenden Menschen gegenüber dem Gesundheitswesen. Gleichwohl stehe die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter hohem politischen Druck, auch die Verwendung experimenteller Medikamente zu empfehlen. (tt.com, APA)


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