The National - Matt Berninger: Auf der Bühne werde ich zu Mr. Hyde

Wien (APA) - Wenn Matt Berninger an einem Dienstagvormittag in einer Wiener Hotelbar sitzt, dann nicht, um wie ein Rockstar früh zu trinken....

Wien (APA) - Wenn Matt Berninger an einem Dienstagvormittag in einer Wiener Hotelbar sitzt, dann nicht, um wie ein Rockstar früh zu trinken. Der Leadsänger der US-Indierockband The National tut das nämlich nur auf der Bühne, wie er im APA-Gespräch verriet. Davon überzeugen kann man sich beim heutigen Konzert in der Wiener Arena und ab Freitag im Kino mit der etwas anderen Tour-Doku „Mistaken for Strangers“.

Mit der APA sprach der 43-Jährige über den Alkohol als Stütze bei Auftritten, Pläne einer möglichen TV-Sendung mit seinem kleinen Bruder Tom, der die Doku gestaltete, und die natürliche Entwicklung seiner Band seit der Gründung 1999.

APA: Nicht zuletzt wegen schwermütiger Songtexte wird The National gerne als traurige, todernste Band umschrieben. Ist der Film auch Mittel, sich von diesem Image loszureißen?

Matt Berninger: Es hat sich als solches herausgestellt, ja. Wir hatten immer eine Art Image, aber es war mir egal, wie das aussah. Es ist gut, wenn der Film das ein wenig aufbricht. Mein Bruder (Tom Berninger, Anm.) hatte nicht diese Absicht, als er den Film gemacht hat. Es ist ein sehr wahrhaftiges Porträt unserer Band, auch wenn es gar nicht so sehr um die Band geht.

APA: Hatten Sie oder Ihre vier Bandkollegen je Sorgen, wie Sie im Film rüberkommen würden?

Berninger: Ich weniger, aber die anderen waren schon ein bisschen nervös, weil Tom so viel unangenehmes Material hatte, von dem sie wussten. Ich glaube, niemand hat wirklich damit gerechnet, dass er tatsächlich einen Film daraus machen würde. Nur deshalb ist er überhaupt damit durchgekommen - weil Leute dachten, wir würden nur einzelne gute Szenen herausnehmen und auf unsere Website stellen. Erst gegen Ende hat er allen erzählt, dass er gemeinsam mit meiner Frau (Carin Besser, Anm.) eine Doku in Spielfilmlänge gestaltet. Schlussendlich war das Ergebnis aber viel besser, als wir je erwartet hätten.

APA: Welche Folgen hatte der Film für Ihren Bruder, einen Amateurfilmemacher? Lebt er noch in Ihrer Garage in Brooklyn?

Berninger: Ja, er lebt noch in unserer Garage. Meine Ehefrau, mein Bruder und ich arbeiten gerade an einer Art TV-Sendung. Noch ist das aber ein großes „Vielleicht“. Tom nimmt jetzt Schauspielunterricht. Seitdem er gemerkt hat, wie gut er rüberkommt, will er eher vor als hinter die Kamera. Es macht Spaß, ihm zuzusehen.

APA: Der Film lässt auf eine sehr besondere, wenn auch konfliktreiche Beziehung zwischen Ihnen beiden schließen. Ist so eine Dynamik mit jener zwischen Bandmitgliedern nach 15 gemeinsamen Jahren zu vergleichen?

Berninger: Unsere Band ist seit einer langen Zeit wie eine Familie. Meine Beziehung zu Tom ist aber sehr speziell, und ganz anders als die Beziehung zwischen den jeweiligen Brüderpaaren (Aaron und Bryce Dessner sowie Scott und Bryan Devendorf, Anm.) in der Band. Die Wurzeln zwischen Geschwistern reichen so tief, so vieles geht damit einher. Trotzdem ist die Idee einer Familie das, was unsere Band zusammen hält.

APA: Ein Interview mit ihren Eltern im Film macht klar, dass Sie beide mit den besten Voraussetzungen und jeder Menge Freiheit ausgestattet wurden.

Berninger: Meine Eltern waren sehr „artsy fartsy“, auch wenn sie nie Künstler von Beruf waren. Sie waren zuhause ständig auf irgendeine Art und Weise künstlerisch tätig, und sie haben immer unterstützt, was wir machen wollten. Als ich ihnen gesagt habe, dass ich meinen Beruf mit gutem Gehalt aufgeben würde, um in einer Rockband zu singen, dachten sie, das sei eine großartige Idee. Die meisten Eltern würden wohl eher davon abraten - und das zurecht! Aber meine Eltern sagten: Was immer dich glücklich macht, wird auch zu Erfolg führen.

APA: Sehen Sie Parallelen zwischen Toms Kampf um Erfolg und den ersten schwierigen Jahren Ihrer Band?

Berninger: Ich konnte mich immer mit seinem Kampf identifizieren. Er hat anfangs meine Erfolge nur als glückliche Fügung gedeutet und nicht all die Rückschläge und harte Arbeit dahinter erkannt. Von der Ferne aus betrachtet erschien es ihm einfach so, als hätte ich Glück gehabt. Dieser Prozess, mit auf Tour zu gehen und die Doku zu machen, und zu sehen, wie schwierig es ist, dabei zu bleiben und etwas daraus zu machen, war lange. Das hat ihm vor Augen geführt, was es braucht, um tun zu können, was man tun möchte.

APA: Die in der Doku porträtierte Tour gab es zu Ihrem bis dato erfolgreichsten Album „High Violet“ 2010. Haben Sie diesen Zeitpunkt als wegweisend für die Band empfunden?

Berninger: Es war auf jeden Fall ein bedeutender Schritt nach vorne, aber auch nicht mehr als das. Wir hatten nicht dieses eine Album, das uns an die Spitze befördert hat. Unsere Bandgeschichte ist geprägt von kleinen Schritten, von „Boxer“ zu „High Violet“ ebenso wie davor von „Alligator“ zu „Boxer“. Je nachdem, wen man fragt und wann er begonnen hat, sich mit unserer Band zu beschäftigen, hatten wir unseren Durchbruch an sechs verschiedenen Zeitpunkten. Das sechste Album („Trouble will find me“, 2013, Anm.) ist ebenso eine Weiterentwicklung für uns wie dieser Film. Ich kenne viele Bands, die diesen einen großen Hit produzierten, und es danach schwer hatten, etwas nachzuliefern. Dass unser Erfolg langsam und auf natürliche Art gewachsen ist, und wir uns in dieser Zeit verändert haben, war sehr gesund für uns - sowohl als Menschen als auch als Band. Wenn Leute an The National denken, dann denken sie nicht an diese eine großartige Platte, sondern an mehrere. Da haben wir Glück.

APA: Ihrem Konzert in der Arena sind in den vergangenen Jahren viele Auftritte in kleineren Wiener Clubs vorausgegangen. Stresst Sie ein Auftritt heute mehr oder weniger als damals?

Berninger: Ich mache mir heute weniger Sorgen vor einer Show, aber nicht viel weniger. (lacht) Ich habe gelernt, es besser zu machen. Aber auf der Bühne zu stehen, ist bis heute nichts, was sich für mich natürlich anfühlt. Ich bin kein geborener Performer, gleichzeitig aber habe ich gelernt, mich im Unwohlsein wohlzufühlen.

APA: In „Mistaken for Strangers“ sieht man sie abseits von der Bühne niemals trinken, dort dafür aber umso mehr. Leben Sie das Rockstarleben ausschließlich auf der Bühne?

Berninger: Im gewissen Sinne ja. Ich feiere und trinke sehr viel auf der Bühne - das ist immer der Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Moment, in dem Mr. Hyde zum Vorschein kommt. Ich lasse das auch zu, und ziehe mich in diesen schrägen Zustand zurück. Ich muss erstmal trinken, um überhaupt dorthin zu gelangen. Das Trinken ist bestimmt eine Art Stütze, um die Show durchzuziehen. Aber mit dem Auftritt endet auch mein Rock‘n‘Roll-Lifestyle. Ich gehe danach direkt zurück in den Tourbus oder ins Hotel und so gut wie nie auf Aftershow-Partys. Früher habe ich versucht, mit dem Feiern auch nach dem Konzert nicht aufzuhören - aber hätte ich das durchgezogen, wäre ich heute tot. Ich habe gelernt, mich unter Kontrolle zu halten.

APA: Bleibt beim Touren auch Zeit, am nächsten Album zu arbeiten?

Berninger: Derzeit arbeitet gerade jeder von uns erstmal an eigenen Projekten. Ich werke seit fünf Jahren in Hotelzimmern und Tourbussen an einer Platte, die kein The National-Album wird. Jeder zieht nebenbei sein eigenes Ding durch: Bryce hat die klassische Musik, Aaron arbeitet als Produzent, und ich habe den Film, diese potenzielle TV-Sendung und ein eigenes Album. Solche Projekte tun der Band gut: Sie sind wie Fenster, durch die wir dem oft einengenden Raum namens The National entfliehen.

APA: Wie klingt Ihr Album ohne The National?

Berninger: Das ist eine gute Frage. Ich arbeite aber nicht alleine daran, sondern mit einem zweiten Musiker, dessen Namen ich nicht verraten will. Für mich klingt es ganz und gar nicht wie The National. Aber weil ich singe, klingt es dann doch irgendwie so. Am Ende ist das nicht wichtig. Es wird anders und zugleich ähnlich klingen.

APA: Sie sind auch politisch engagiert, sind als Band wiederholt auf Wahlkampfveranstaltungen von Barack Obama aufgetreten. Teilen Sie die Enttäuschung vieler früherer Anhänger, was seine Präsidentschaft anbelangt?

Berninger: Er verdient Teile der an ihm geäußerten Kritik, aber wenn er gegen dieselben Kandidaten wieder antreten würde, würde ich exakt dasselbe machen. Unsere Regierung ist wie paralysiert, praktisch nichts geht voran. Amerika entwickelt sich aufgrund dieses eingefrorenen Systems kaum weiter. Ich gebe nicht Obama, sondern den konservativen Spinnern die Schuld dafür. Ich glaube aber daran, dass das früher oder später bröckelt - ganz nach dem Motto: Die dunkelste Stunde der Nacht ist jene vor der Morgendämmerung. Obama hat eine quasi unlösbare Aufgabe bekommen. Er hat viele Fehler gemacht, und ich bin nicht mit allem, was er während seiner Präsidentschaft getan hat, einverstanden. Aber verglichen mit den Psychopathen, die die letzten Male versucht haben, unser Land zu leiten, ist er ziemlich großartig.

(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA)

(S E R V I C E - The National heute, Dienstag, live in der Arena Wien. 19 Uhr Einlass, 20 Uhr Support Act Sharon Van Etten, 21.15 Uhr The National. „Mistaken for Strangers“: Kinostart am Freitag, 15. August. http://mistakenforstrangersmovie.com/, http://americanmary.com/)

(A V I S O - Die APA hat am 8.8. unter APA188 eine Filmkritik zu „Mistaken for Strangers“ gesendet und wird morgen, Mittwoch, eine Konzertkritik versenden.)


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