Überall nur ödes Rittergezücht

Staubtrocken kämpfen und lieben die Ritter in Peter Steins Inszenierung von Franz Schuberts Oper „Fierrabras“ bei den Salzburger Festspielen.

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Von Jörn Florian Fuchs

Salzburg –Es gibt komplizierte Stücke, die sich derart verästeln, dass einem schon beim Lesen des Librettos schwindelt. Und es gibt „Fierrabras“. Hierbei handelt es sich um ein­e sehr selten gespielte Oper Franz Schuberts, der sich von seinem Textdichter Josef Kupelwieser ein wahrlich abenteuerliches Konglomerat aus Handlungssträngen und Motiven erstellen ließ. Knapp heruntergebrochen: Zur Zeit Karls des Großen kämpfen Franken und Mauren mit- und gegeneinander, es suchen und finden sich Liebespaare aus dummerweise unterschiedlichen Lagern, die Titelfigur Fierrabras ist ein ebenso mutiger wie schlussendlich aufs eigene amouröse Glück verzichtender Held. Stattdessen wird Emma mit Eginhard glücklich, Florinda und Roland freuen sich auf ein­e gemeinsame Zukunft und wunderbarerweise schließen die streitenden Mächte einen hoffentlich lang währenden Frieden.

Dramaturgisch ist „Fierrabras“ durchaus anspruchsvoll gebaut, mit einer komplizierten Mischung aus Einzelauftritten, Ensembles und Chorszenen. Nach längerem Versenken ins Libretto lässt sich das Ganze einigermaßen nachvollziehen, wobei dem Verständnis auch mehrere Melodramen sowie gesprochene Texte entgegenkommen.

In Salzburg singt eine recht exquisite Truppe, Georg Zeppenfeld etwa gibt den Frankenkaiser mit würdig klarem Timbre, Julia Kleiter ist eine lebendig helle Emma, Markus Werba ein Tamino-hafter Roland.

Schuberts Musik überrascht durch die riesige Fülle an Farbeffekten sowie rasche strukturelle Modifikationen, schnelle Tonartwechsel und das häufig abrupte Springen zwischen Dur und Moll.

Peter Stein inszeniert diese Ritterpistole gewohnt avantgardistisch, es wird viel kopuliert, Blut und andere Körpersäfte fließen reichlich. Fierrabras-Darsteller Michael Schade muss besonders viel leisten, weitgehend nackt robbt er über die apokalyptische Bühne mit ihren brennenden Mülltonnen und Statisten, die sich Drogen spritzen oder Hunde aufeinanderhetzen. Okay, das war nur so ein Gedanke beim Lesen der Handlung, wie vielleicht ein durchschnittlich wilder Regisseur von heute die Oper in Szene setzen würde. Peter Stein ist bekanntlich eher von gestern, das Ergebnis: ein­e pittoreske Pappkulissenwelt, von Ferdinand Wögerbauer detailliert erdacht und erbaut. Als Ritter zieht man gern bestrumpft in die Schlacht, edle Damen werden von feinsten Retro-Roben um- oder verhüllt, während sie sich leidend oder liebend an Herz und Brust greifen. Fierrabras’ einzige wirkliche szenische Aufgabe besteht aus wirkungsvollem Mantelschlagen, Michael Schade quält dazu seine Stimmbänder.

Reden wir mal Klartext. Peter Stein versucht sich an biederem Nachbuchstabieren, hat offenbar jegliches Gespür für Dramatik und Personen­führung verlernt.

Der Abend ist überwiegend nervtötend, manchmal auch amüsant wegen seiner ziemlich unfreiwilligen Monty-Python-Atmosphäre. Die Rampe spielt eine Hauptrolle, die betulichen Sprechtext­e hätte man vielleicht besser einem Erzähler anvertraut. Eine weitere Enttäuschung: Ingo Metzmacher am Pult der Wiener Philharmoniker. So genial Metzmacher zeitgenössische Partituren interpretiert, hier fehlt es an beinahe allem: Präzisio­n, Tempo, Koordination.

Im Umfeld der Premier­e schimpfte Peter Stein missgelaunt über das aus seiner Sicht blöde Stück und manch anderes. Jetzt ist endgültig der Zeitpunkt gekommen, ihn in den Ruhestand zu schicken. Um Stein muss man sich ohnehin nicht sorgen, im Nebenjob vertreibt er von seinen italienischen Landgütern aus seit ein paar Jahren feinstes Olivenöl. Solch Schüler­theater an der Salzach zu den üblichen Mondpreisen veranstalten, das geht gar nicht.


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