ImPulsTanz - Revival von „Jerome Bel“: Pinkeln im Licht der Glühbirne

Wien (APA) - Bei Jerome Bel trifft Minimalismus auf Dekonstruktivismus und ironischer Humor auf die Lust an der Provokation: Wie gut die zwe...

Wien (APA) - Bei Jerome Bel trifft Minimalismus auf Dekonstruktivismus und ironischer Humor auf die Lust an der Provokation: Wie gut die zweite Arbeit des französischen Choreografen, einfach „Jerome Bel“ (1995) betitelt, noch immer funktioniert, durfte am Dienstagabend beim Revival im Wiener Schauspielhaus überprüft werden, wo das Original-Ensemble nach 17 Jahren erneut bei ImPulsTanz gastierte. Ein Klassiker!

Vier nackte Personen, eine Glühbirne, Kreide und Lippenstift - viel mehr benötigt Bel nicht, um den zeitgenössischen Tanz auf seine Grundelemente herunterzubrechen. Die Körper werden bei ihm zur reinen Oberfläche, ganz basal, ganz banal. An diesen Körpern gibt es nichts zu interpretieren, die möglichen Bedeutungszuschreibungen bleiben provisorisch und oberflächlich, wenn sie langsam an die Tafelwand im Hintergrund geschrieben werden.

„Thomas Edison“ hält da die hell strahlende Glühbirne und wirft große Schatten an die Wand, „Johann Sebastian Bach“ singt seine Melodien vor sich hin, nur Claire Haenni und Frederic Seguette verkörpern sich selbst und schreiben Zahlen unter ihre Namen: Größe, Gewicht, Alter und Telefonnummer, möglicherweise auch den (deprimierenden) Kontostand. Dann legt Claire ihre Körperoberfläche in Falten, Frederic zieht sich den Hodensack über den Penis und leckt seine Arme ab, schließlich wird ihr Kopfhaar zu seinem Schamhaar und beider Haut mit Lippenstift beschriftet.

Die 50-minütige Performance, die im Februar in Belgien wiederaufgeführt wurde und anschließend auch nach Wien eingeladen wurde, ist konzentriert, auf die Essenz beschränkt und hält auch heute noch dem kritischen Auge stand. Licht, Bewegung und Körper werden auf ihre elementaren Bestandteile reduziert, das Pinkeln auf offener Bühne hat nichts von seinem radikalen Gestus verloren. Manche verpassten daraufhin ABBAs „Dancing Queen“ zum Abschied, der Rest des Publikums war entweder irritiert oder beglückt. Heute würde solch ein Stück wohl trotzdem nicht mehr entstehen - nicht nur wegen der Energiesparlampenverordnung.

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(S E R V I C E - Wiederaufnahme von „Jerome Bel“, Produktion und Choreografie: Jerome Bel, mit: Michele Bargues, Yseult Roch, Claire Haenni, Frederic Seguette, Eric Affergan, weitere Vorführungen am heutigen Mittwoch um 21 und 23 Uhr - www.impulstanz.at)


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