Jobmaschine in USA läuft nicht mehr rund

Washington (APA/Reuters) - Der Jobmotor in den USA läuft nicht mehr rund. Die Lage am Arbeitsmarkt hat sich zwar nach der weltweiten Finanzk...

Washington (APA/Reuters) - Der Jobmotor in den USA läuft nicht mehr rund. Die Lage am Arbeitsmarkt hat sich zwar nach der weltweiten Finanzkrise und der Rezession von 2008/09 wieder aufgehellt, doch gut bezahlte Stellen sind rar. Zu viele Amerikaner müssen sich mit Teilzeitjobs durchschlagen.

Die Notenbank treibt die Sorge um, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft. Denn die Mittelschicht könnte wegbröckeln. Wenn sie weniger konsumiert, leidet die Konjunktur. Schließlich macht der private Verbrauch rund 70 Prozent der Wirtschaftsleistung zwischen New York und San Francisco aus.

Die Spitze der US-Notenbank ist bereits alarmiert: Fed-Chefin Janet Yellen beobachtet eine gefährliche Tendenz bei der Einkommensverteilung - „weg von Arbeit, hin zu Kapital“. Der Chef der Federal Reserve (Fed) von Atlanta, Dennis Lockhart, spricht im kühlen Technokratenjargon von der Gefahr eines dauerhaft „polarisierten Arbeitsmarkts“. Im Klartext: Eine wachsende Zahl von Billiglöhnern steht einer immer kleineren Zahl gut bezahlter Amerikaner mit Top-Jobs in Technologie-Firmen und Industrieunternehmen gegenüber.

Auch wenn die Arbeitslosenquote mit 6,2 Prozent mittlerweile erträglich erscheint, ist Vollbeschäftigung nicht in Sicht. Die Löhne legen trotz des Aufschwungs nur leicht zu. Die Fed päppelt die Wirtschaft daher noch immer mit Geldspritzen auf und will an der Nullzinspolitik bis ins nächste Jahr hinein festhalten. Yellens Stellvertreter Stanley Fischer bezweifelt dennoch, dass die US-Konjunktur an alte Zeiten anknüpfen und Wachstumsraten von vier Prozent und mehr erreichen kann. Langfristig sei wohl nur noch mit einem jährlichen Plus von zwei Prozent zu rechnen. Noch 2009 hatte die Fed einen vollen Prozentpunkt mehr veranschlagt.

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Der Ökonom Matthew Slaughter von der US-Eliteuniversität Dartmouth sieht „eine kleine Gruppe von Hochqualifizierten“ als eigentliche Gewinner des von der Globalisierung angestoßenen Produktivitätsfortschritts in den USA. Ein Blick auf die Zahlen des Amtes für Arbeitsstatistik (BLS) zeigt, dass die soziale Schere auseinandergeht. In den Jahren 2001 bis 2013 verringerte sich die Zahl der Amerikaner in den zehn obersten Gehaltsetagen nur um vier Prozent. Wer seinen Job behielt, profitierte in diesem Zeitraum von einer Lohnsteigerung von 28 Prozent. Die Zahl der Beschäftigten in den unteren zehn Gehaltsklassen stieg zugleich um fast 15 Prozent. Ihre Einkommen sanken laut BLS-Statistik preisbereinigt um 5,5 Prozent. Es sind diese Daten, die Sorgen vor einer Erosion der Mittelschicht aufkommen lassen.

Die Personalzahlen von 100 börsennotierten Großunternehmen der USA - von Caterpillar bis Microsoft - zeigen nach der Jahrtausendwende einen markanten Einbruch im Jahr 2009. Damals trafen die Finanzkrise und die nachfolgende Rezession die Firmen mit voller Wucht. Insgesamt wurden 1,3 Prozent aller Stellen gestrichen - ein verlorenes Jahr für den Arbeitsmarkt. Die 100 US-Schwergewichte außerhalb der Bankenbranche steigerten zwischen 2001 und 2013 ihren operativen Gewinn preisbereinigt um 150 Prozent. Doch beim Anheuern von Personal waren sie zögerlich. Die Mitarbeiterzahl stieg nur um 31 Prozent. Daten aus einzelnen Konzernen lassen darauf schließen, dass viele neue Jobs außerhalb der USA entstanden. Denn zahlreiche Firmen verlagerten Stellen in Billiglohnländer wie China und sparten damit Kosten ein.

Fast ein Drittel der Großkonzerne strich binnen zwölf Jahren sogar Jobs - und dies, obwohl in vielen Fällen Gewinne üppig sprudelten und die Umsätze zulegten. Ein Beispiel dafür ist der Telekom-Riese Verizon : Die Firma bewältigte den Wandel vom Festnetzbetreiber zum Mobilfunk-Anbieter samt internetbasierten Dienstleistungen mit Bravour. Der operative Gewinn legte von 2001 bis 2013 um mehr als das Doppelte zu. Die Mitarbeiterzahl schrumpfte zugleich aber um mehr als 30 Prozent.

Der Aufstieg von neuen Branchengrößen wie Apple oder Amazon ließ zwar deren Mitarbeiterzahlen sprunghaft steigen. Doch nach zwölf Jahren, in denen beide Firmen das Personal rund verzehnfachten, ist das Jobwachstum nun nicht mehr so rasant. Eine jüngst vorgelegte Analyse der US-Ökonomen Robert Litan und Ian Hathaway kommt zu dem Schluss, dass es mittlerweile eher alt eingesessene Firmen sind, die in den USA viele Stellen schaffen - etwa Wal-Mart. Der weltgrößte Einzelhändler betreibt sein Geschäft mit einer hohen Zahl von Mitarbeitern, die jedoch vielfach nur niedrige Löhne beziehen.

Laut Litan geriet die Jobmaschine bereits nach der Jahrtausendwende ins Stottern, als die Anschläge vom 11. September 2001 und die folgende Rezession die USA heimsuchten. Nach Ausbruch der Finanzkrise kostete die Rezession später erneut Millionen Jobs. Nun hat sich der Arbeitsmarkt womöglich in seinen Strukturen verändert. Wenn es nicht zu einer neuen Gründerwelle komme und der Staat Jungunternehmern unter die Arme greife, werde der Jobmarkt nicht den erhofften Schwung entwickeln, warnt Litan: „Wir können nicht darauf setzen, dass alle Beschäftigten bei den 500 größten Firmen unterkommen.“


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