Liebeswirren machen einsam

Georg Friedrich Händels Opernerstling „Almira“ in intelligenter Fassung von Alessandro De Marchi und Jetske Mijnssen eröffnete die Innsbrucker Festwochen.

© Larl/Festwochen der Alten Musik

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Ein hochbegabter Teenager, ein eifersüchtiger Chef, ein Plot, haarsträubend wie die Liebeswirren einer jugendlichen Clique, ein rauschender Premierenerfolg: Das war „Almira“ 1705 am Gänsemarkt. Reinhard Keiser, Leiter der Hamburger Oper, hatte die Komposition zur Geschichte der kastilischen „Almira“, die mit 20 eher ungewollt Königin wird, an Georg Friedrich Händel, Geiger seines Orchesters, abgegeben. Als dieser mit glanzvollen italienischen Arien, herrlichen französischen Ballettmusiken und Festzügen Furore machte, werkelte der sehr versierte Keiser doch selbst noch, setzte Händels „Almira“ ab und seine auf den Spielplan. Nun wird „Almira“ in Koproduktion der Hamburger Oper und der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik aufgeführt – und Keisers Werk ist vergessen. Festwochen-Premiere von Händels Opernerstling mit finalem Publikumszuspruch war am Dienstag.

Gegenüber Hamburg ist die Titelrolle nun mit Klara Ek besetzt und das Orchester mit Alessandro De Marchis Originalklang-Academia Montis Regalis. Die Sänger hatten sich also auf eine tiefere Grundstimmung einzustellen, in einer Aufführung, die musikalisch und szenisch herausragend gelungen ist. Selbstverständlich ist Georg Friedrich hier noch nicht der Händel. Aber er zeigt, was er alles aufgesogen hat und zu welchem Ausgangspunkt sein Schaffen wurde. Er benützt die in Hamburg aktuelle Mischform aus italienischen, französischen und deutschen Elementen, gesungen in deutscher und italienischer Sprache. Dazu kommt die Verbindung von ernsten und heiteren Elementen, eine Kreation der frühen venezianischen Oper. Auszumachen sind auch Spuren der damals recht weltlich ausgerichteten Kirchenmusik und eine Cembalo-Gesang-Behandlung, wie sie später in die Klavierliedpraxis eingeht. Alessandro De Marchi als musikalischer Spiritus Rector hat mit enormer Akribie in der Partitur geschürft und Details zum Ganzen gefügt, wichtig sind die instrumentalen Teile. Sein reich mit Naturtrompeten, Lauten, Harfe und Gambe ausgestattetes Orchester (vorzüglich die Oboe) schwelgt in Farben und Emotion, kann freilich auch hin und wieder in Einzelstimmen den Kontakt verlieren.

Die besonders anspruchsvollen Sopranpartien sind mit der virtuosen Klara Ek in der Titelrolle und der wohltönenden Mélissa Petit als Edilla hervorragend besetzt. Dazu kommen, als geschlossen agierendes und stimmlich durchwegs adäquates Ensemble, Viktor Rud als männlicher Fernando, Rebecca Jo Loeb (Bellante), Manuel Günther (Osman) und die Fundamente von Wolf Matthias Friedrich (Consalvo) und Florian Spiess (Raymondo).

Mit Sara-Maria Saalmann als Tabarco, begleitet von zwei kindlichen Egos, stand eine ganz junge Sängerin auf der Bühne. Regisseurin Jetske Mijnssen, der mit dieser „Almira“ ein Meisterstück gelang, macht aus der Narrenfigur Schicksalssymbole von Amor bis zum Tod. Intelligent zeigt sie das Spiel vom Finden und Verlieren der Liebe und im mehrfachen Zeitwechsel das Los junger Königinnen von Elisabeth I. bis heute: In Konventionen gefangen zu sein, die ihre Individualität ersticken. Ben Baur baute ihr dafür eine sich drehende Holzbühne von der geschlossenen Durchlässigkeit eines Käfigs und prächtige Kostüme.

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„Lascia ch’io pianga“, der zarte Hit aus Händels „Rinaldo“, überrascht anfangs als Sarabande. De Marchi und Mijnssen machen ihn zu Almiras Leitmotiv. Es erklingt als eingefügte Arie, von Ek mit wundersamen Verzierungen gesungen, wird zitiert, wenn Almira, politisch ausgegrenzt und hart geworden, die Amoretten als Todesboten schickt. Und beschließt das Happy End und damit das Spiel der Liebe mit der melancholischen Realität und der Einsamkeit.


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