Betrug mit Tauchbörse für Unternehmensleistungen - Prozess in Wien

Wien (APA) - Ein Wiener Ehepaar gründet ein Unternehmen, das als Internet-Tauschbörse für Dienstleistungen agieren soll. Zahnarztbehandlung ...

Wien (APA) - Ein Wiener Ehepaar gründet ein Unternehmen, das als Internet-Tauschbörse für Dienstleistungen agieren soll. Zahnarztbehandlung gegen Umbauarbeiten, Elektroinstallationen gegen Auto - doch nicht alle Leistungsanbieter kamen zum Zug. Am Mittwoch saßen deshalb die beiden Firmengründer wegen Betruges und Untreue vor einem Schöffengericht.

Der Sachverhalt ist nicht ganz einfach: 2001 wurde die Aktiengesellschaft gegründet. Der 50-jährige Angeklagte agierte als Vorstand, seine 46-jährige Frau als Hauptaktionärin. Ziel war es, dass Unternehmen Dienstleistungen untereinander austauschen konnten, um ihre Liquidität zu erhalten. Es wurde Ware gegen Ware getauscht, Geld floss keines, jedoch wurden sogenannte Barter-Credits geschaffen, um auf geldähnlicher Basis die Tauschgeschäfte durchzuführen, erklärte die Staatsanwältin in ihrem Eröffnungsplädoyer. Sollte einer der Mitglieder dieser Tauschbörse ins Minus rutschen, hat er eine gewissen Zeitrahmen, um sein Konto schnellstmöglichst wieder auszugleichen.

Alle Mitglieder dieser Plattform sollten nach denselben Regeln agieren, meinte die Anklägerin. Doch die Aktiengesellschaft habe ganz anders funktioniert. Es habe Begünstigte gegeben - oft Freunde des Ehepaares -, die viel mehr profitierten als andere. Sie bekamen etwa für das Ausgleichen des Schuldenstands viel länger Zeit als andere. „Und dann gab es, verzeihen Sie den Ausdruck, die Trotteln, die geglaubt haben, es funktioniert und haben dabei einen so hohen Guthabensstand gehabt, den sie nie einlösen konnten“, sagte die Staatsanwältin. Eine Zahnärztin hat etwa Leistungen im Wert von 80.000 Euro erbracht, doch als sie diese für einen Umbau einlösen wollte, konnte sie keine Baufirma auf dem Tauschpool finden, die ihren Anforderungen entsprach.

Die zweitangeklagte Ehefrau, die als Hausfrau nicht wirtschaftlich tätig war, war laut Staatsanwältin von über 200 Mitgliedern jenes, mit dem höchsten Schuldenstand in der Höhe von 1,2 Millionen Euro. Dieser Betrag kam u.a. dadurch zustande, weil die siebenfache Mutter mit ihren Kindern beim Zahnarzt war. Ein Sohn der Familie wurde ebenfalls als Tauschbörsenmitglied angemeldet, obwohl er zu dem Zeitpunkt erst zehn Jahre alt und somit noch minderjährig war.

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Der Aufbau des Geschäfts war laut Staatsanwältin „wie ein Pyramidenspiel“. Vor allem Kleinunternehmern und jenen, die sehr spät als Mitglieder angeworben wurden, sei durch die Tauschbörse ein großer Schaden entstanden, einige mussten sogar Konkurs anmelden. Die Ehefrau gab bei der Polizei auf die Frage, wozu die Tauschbörse gedient habe, an: „Man tauscht ein bisschen herum, um am Ende teure Liegenschaften zu haben“, zitierte die Anklägerin die Aussage. Das Paar besaß u.a. eine Villa in Baden.

Als das System 2010 aufgelöst wurde, sollen Leistungen in der Höhe von 4,8 Millionen Euro offengeblieben sein. Gegen Ende soll der 50-Jährige auch die Tauschbörse in ein neues System überführt haben und beim Übertrag den millionenhohen Schuldenstand seiner Frau als Tauschbörsenmitglied „vergessen“ haben. Laut Staatsanwältin lässt sich die tatsächliche Schadenssumme nur schwer ausmachen. Dazu wird bei einem weiteren Verhandlungstermin ein Sachverständiger zu Wort kommen. Die Verhandlung wurde auf November vertagt.

Die Angeklagten hatten sich wegen Betruges, schweren Betruges, gewerbsmäßigen Betruges sowie Untreue vor Richter Christian Böhm zu verantworten. Der 50-jährige bekannte sich schuldig, seine Frau nicht.


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