Fingerzeig einer Zeitreisenden

In „Lucy“ jagt Luc Besson seinen Star Scarlett Johansson durch Zitate der Kinogeschichte.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Inzwischen gibt es für (fast) alles eine App. Dabei wird jede harmlose Anfrage zuerst mit einer Gegenfrage beantwortet. Die harmlose Formulierung (Darf diese App Ihren Standort verwenden?) suggeriert, dass die App den Standort zwar kennt, aber bereit ist, diesen sofort wieder zu vergessen. So ähnlich funktioniert auch die Beichte in diversen Religionen. Gott kennt alle Vergehen, aber es liegt an uns, diese dem Interpreten mitzuteilen. Natürlich gibt es auch für die Beichte längst einschlägige Beicht-Apps.

In Spike Jonzes „Her“ spielte Scarlett Johansson (mit ihrer Stimme) eine Samantha genannte App, die auf der Festplatte und im Intimleben ihres Besitzers für Ordnung sorgt. In Luc Bessons „Lucy“ ist Johansson als Titelheldin zuerst das Mädchen von nebenan, das sich über eine Superdroge in ein allwissendes Wesen verwandelt und anders als die immaterielle Samantha zur Wahrnehmung der Außenwelt auf eine Kameralinse verzichten kann. Bis es so weit ist, muss Lucy allerdings den Zitatendschungel der einschlägigen Filmgeschichte – von Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ über Nolans „Inception“ bis zum koreanischen Gangsterkino – und ein Meer aus Blut und Tränen durchwaten.

„Lucy“ beginnt irritierend mit dem Bild eines Affen, der sich Wasser in das Maul schaufelt. Dieses Zitat gehört jedoch zur Powerpoint-Präsentation des Hirnforschers Samuel Norman (Morgan Freeman), der in einem Pariser Hörsaal die Geschichte der Evolution erzählt und den Studenten weismacht, der Mensch würde nur zehn Prozent seiner Hirnkapazität nutzen. Die vorlaute Frage, was jenem Menschen passieren würde, dessen Nervenzellen im Gehirn zur vollen Leistungsfähigkeit explodieren, kann der berühmte Professor nicht beantworten.

US-Studentin Lucy startet in Taipeh in Taiwan mit zehn Prozent. Koreanische Gangster nähen ihr einen Beutel mit einer Superdroge unter die Bauchdecke. Als die blauen Kristalle in ihren Kreislauf eindringen, verändern sich die Hirnströme. Mit der wachsenden Hirnkapazität wird Lucy zur menschlichen Festplatte, die sich in Sekunden das Wissen der Welt downloaden kann. Allerdings bleiben noch offene Fragen, auf die nur der in Paris weilende Neurologe Antworten zu haben scheint.

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„Lucy“ ist ein dreistes und grandioses Lehrstück über das Kino und das Sehen im Superzeitraffer. Die digitale Technik ermöglicht inzwischen eine Zeitreise mit allen verfügbaren Bildern vom Einzeller zu Einstein in zwanzig Sekunden. Bei 100 Prozent ihrer Hirnfunktion angekommen wird Lucy zur Zeitreisenden, die Kubricks Affen aufsucht, um ihn mit der Berührung ihres Zeigefingers zur Evolution zu inspirieren. Michelangelos Geste hat Steven Spielberg schon in „E. T.“ verwendet und Besson, der französische Freibeuter der Kinogeschichte, traut sich das noch einmal.


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