Auf die Bauleute in Gaza wartet eine Herkulesaufgabe

Gaza (APA/AFP) - Es ist eine Herkulesaufgabe, die auf die Bauleute in Gaza wartet. Angesichts tausender Wohnhäuser in Trümmern und massiv ze...

Gaza (APA/AFP) - Es ist eine Herkulesaufgabe, die auf die Bauleute in Gaza wartet. Angesichts tausender Wohnhäuser in Trümmern und massiv zerstörter Infrastruktur ist absehbar, dass der Wiederaufbau Milliardensummen kosten wird. Zudem ist die Aufhebung der israelischen Blockade von Zementimporten erforderlich.

Dieser Baustoff steht allerdings im Zentrum der Kontroverse um den Bau von Angriffstunneln sowie unterirdischen Raketenlagern und Abschussrampen durch die Islamisten der Hamas-Bewegung.

Nicht nur in der Kleinstadt Beit Lahiya im Norden des Gazastreifens hat der fünfwöchige Krieg große Gebiete in Schuttflächen verwandelt, auf denen Familien während der Feuerpausen nach Habseligkeiten suchen und darauf hoffen, hier bald neu bauen zu können. Auf einem staubigen Geröllhügel, der von seiner Wohnung blieb, raucht Jamal Abed nachdenklich eine Zigarette, während er die Perlen seiner Gebetskette durch die Finger gleiten lässt.

„Hier haben sie alles kaputtgemacht, nichts ist mehr zu retten“, seufzt er und wird sich klar, dass Monate, vielleicht Jahre anstehen, die er mit seiner Familie in Notunterkünften verbringen muss. Denn die Hausruine muss erst abgetragen werden, bevor hier neu gebaut werden kann. Zum Bauen braucht es aber Frieden - und Zement. Doch dies ist der Baustoff, der hier am meisten fehlt.

Seit 2007 die radikale Hamas die gemäßigtere Fatah im Gazastreifen von der Macht verdrängte, hat Israel die Einfuhr von Zement, Kies und Stahl stark eingeschränkt, um den Ausbau der militärischen Infrastruktur der Islamisten zu behindern. „Die sieben vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Wiederaufbau und Blockade unvereinbar sind“, klagt Chris Guinness, Sprecher des örtlichen Ablegers des UN-Flüchtlingshilfswerks, das gegenwärtig über 300.000 Vertriebene beherbergt. Nachdem 16.700 Wohnungen zerstört wurden, können selbst bei einer längeren Waffenruhe viele nicht nach Hause zurück.

Schon 2009 und 2012 waren bei israelischen Militäroffensiven, jeweils ausgelöst durch breit angelegte Raketenangriffe der Hamas, im Gazastreifen enorme Zerstörungen angerichtet worden. Zwar wurden die Einfuhrbeschränkungen für Baustoffe 2010 und Ende 2012 schrittweise gelockert. Die Mengen blieben aber gering, die Verwendungskontrollen streng und private Bauträger wurden nicht bedacht.

Dennoch boomte bis vor einem Jahr die Bautätigkeit, weil die Hamas den Zement durch hunderte Schmugglertunnel aus Ägypten in den Gazastreifen brachte und daran gut verdiente. Seit die mit den Islamisten eng verbündeten Muslimbrüder in Kairo durch das Militär von der Macht verdrängt wurden, versiegte diese Bezugsquelle aber.

„Bei der aktuellen Mengenbegrenzung für den Import von Baumaterial würde es hundert Jahre dauern, bis die Schäden beseitigt sind“, sagt Sari Bashi, Mitbegründerin der israelischen Rechtshilfeorganisation Gisha („Zugang“), die sich für die Bewegungsfreiheit der Palästinenser einsetzt. „Durch das Einfuhrverbot von Baustoffen hat Israel - wie wir gesehen haben - den Tunnelbau der Hamas nicht verhindert. Stattdessen wurden die Wirtschaftstätigkeit erstickt, Wohnungsnot erzeugt und die zivile Infrastruktur getroffen“, erklärt die Rechtsanwältin.

Nach Schätzung der UNO ist die Zahl unbewohnbarer Häuser derzeit doppelt sie hoch wie nach der letzten israelischen Bodenoffensive Anfang 2009. Seinerzeit hatte das Ausland 3,4 Milliarden Euro aufgebracht, um den Wiederaufbau zu finanzieren. Diesmal könnte es ersten Schätzungen zufolge 4,5 Milliarden Euro kosten, Wohnungen, Krankenhäuser, Straßen, Schulen, Wasserleitungen, Stromnetze und Fabriken wieder in Stand zu setzen. Denn auch mehr als 350 Produktionsstätten seien zerstört worden, „darunter etwa 50 Fabriken für Güter des Grundbedarfs“, schätzt Maher al-Tabaa, Präsident der Handelskammer von Gaza.

Bei den Verhandlungen über eine dauerhafte Lösung des Gazakonflikts geht es deshalb immer wieder um Zement. Auch die israelische Seite weiß, dass es ohne Grundbaustoffe keinen Wiederaufbau geben kann. Sie besteht aber auf Kontrollmechanismen, die die zivile Verwendung garantieren.

131416 Aug 14


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