„Wir haben keine Angst, aber jede Menge Respekt“

Industriekletterer wagen sich an die ausgesetztesten Punkte. Der Tiroler Andreas Geisler spricht über den Spaß am kalkulierten Risiko.

Von Alexandra Plank

Innsbruck –Als der heute 40-jährige leidenschaftliche Berg- und Skiführer Andreas Geisler 1999 seine Firma offground solutions gründete, wurde er belächelt. Er und seine Kollegen hatten es sich zur Aufgabe gemacht, durch seilunterstütztes Arbeiten Fassaden zu reinigen, Bauwerkszustände zu dokumentieren und Gebäude zu warten. „Wir wurden als die Fensterputzerfirma gesehen. Handwerkliches Arbeiten hat in unserer Gesellschaft wenig Wert und Putzen wird als mindere Arbeit angesehen.“ Mittlerweile lacht keiner mehr. Der Kleinbetrieb mit fünf Mitarbeitern und einigen Freien ist international gefragt, auch wenn er seinen Arbeitsschwerpunkt auf Österreich gelegt hat. Wichtig ist Geisler bei der Rekrutierung seines Personals, dass es nach den IRATA-Standards, einem international anerkannten System, ausgebildet ist, ständig im Training bleibt und auch handwerklich geschickt ist. „Es kommen immer wieder Bergführer, die meinen, sie sind auch Industriekletterer, aber das sind zwei Paar Schuhe“, sagt Geisler. Ganz wichtig bei jedem Auftrag seien die Gefahrenevaluation und der Rettungsplan. Die Vorbereitung eines Projekts könne da schon einmal bis zu ein Jahr dauern. „Wenn jemand im Sitzgurt hängt und er kann sich mit den Beinen nicht abstützen, dauert es höchstens 15 Minuten, bis er bewusstlos wird. Wir haben da sofort einen Kollegen bei der Hand, der ihn bergen kann.“ Geisler ist stolz darauf, dass es in der jahrelangen Firmengeschichte keinen einzigen Arbeitsunfall gegeben hat. Das heißt nicht, dass den Kletterern ein Glassturz übergestülpt wird. „Ich bin ein Perfektionist, kein Sicherheitsfreak. Es muss alles durchgeplant, aber auch effizient sein, sonst lasse ich die Männer nicht auf die Baustelle“, sagt Geisler. Er selbst hängt noch im Seil. „Jede Aufgabe ist eine Herausforderung, ich habe keine Angst, aber Respekt.“ Am herausforderndsten war für ihn, als er sich am längsten Pfeiler der Europabrücke abseilte. Und das Gefühl auf den Spitzen der Windräder, wo man nicht andocken kann, sondern wie eine Spinne im Seil hängt. „Da ist man den Elementen ausgesetzt und wird demütig.“

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