ImPulsTanz: Ismael Ivos „Erendira“ als getanzte Vergewaltigung

Wien (APA) - Kampf der Geschlechter statt Spiel der Geschlechter: Nach seinem Vorjahreserfolg „No Sacre“ hat ImPuls-Tanz-Doyen Ismael Ivo mi...

Wien (APA) - Kampf der Geschlechter statt Spiel der Geschlechter: Nach seinem Vorjahreserfolg „No Sacre“ hat ImPuls-Tanz-Doyen Ismael Ivo mit seinem Ausbildungsprogramm „Grupo Biblioteca do Corpo“ am Mittwochabend mit „Erendira“ kurz vor Festivalende ein dunkles Bild des Geschlechtslebens gezeigt. Die Gewalt dominiert jede Begegnung, die Hoffnung ist hier zuerst gestorben.

Wieder hat der Altmeister mit seiner heurigen Gruppe, die sich aus 15 brasilianischen Stipendiaten und 15 weiteren Teilnehmern aus aller Welt zusammensetzt, in sechs Wochen eine Choreografie auf tänzerisch höchstem Niveau erarbeitet. Als Inspirationsquelle diente dabei Gabriel Garcia Marquez‘ Kurzgeschichte „Erendira“ um das gleichnamige Mädchen, das von seiner Großmutter zur Prostitution genötigt wird.

Die brasilianische Schauspielerin Cleide Eunice Queiroz ist als einzige Sprechrolle eine zeitlose Mutter Courage, eine herzlose Zuhälterin, die mit ihrem Charisma das Bühnengeschehen dominiert. Dennoch wäre ihr Charakter verzichtbar, wird die anfangs eingeschlagene, an Garcia Marquez orientierte Narration doch alsbald verlassen.

In letztlich unzusammenhängenden Sequenzen entfalten sich Variationen über ein Thema - gleichsam eine Fuge der Gewalt. Aus einer Klangcollage zwischen Barock und Elektro schält sich dabei die finnische Cello-Metalformation Apocalyptica als tonangebend heraus, die mit ihrer aggressiven Rhythmik den Pulsschlag vorgibt.

Zu Beginn umklammern die 20 Tänzerinnen - das fragmentierte Mosaik ein und desselben leidenden Charakters - ihr inneres Kind als Puppe. Sie werden es alsbald verlieren. Wenig später wird eine junge Frau wie ein Pferd von ihrer Zuhälterin am Voltigierband im Kreise geführt und kann ihrem Schicksal nicht entkommen, egal wie sehr sie sich müht. Sie ist wie eine der Orangen, die von den Akteuren verschlungen werden und aus denen der Saft ebenso herausgequetscht wird wie aus den Menschen der letzte Lebenssaft.

Die Begegnungen der Akteure sind in diesem Stück nie liebevoll, allenfalls von unerfüllbaren Hoffnungen geprägt. Getanzte Vergewaltigungen ersetzen ein Spiel von An- und Abstoßung. Subtil ist „Erendira“ dabei nicht. Schwarz und Weiß sind klar verteilt, eine Entwicklung findet kaum statt. Am Ende beginnen die Frauen zu laufen - eine Flucht und ein Befreiungsakt in einem. Zugleich treten sie dabei auf der Stelle.

(S E R V I C E - Ismael Ivo und die Grupo Biblioteca do Corpo: „Erendira“ im Volkstheater, Neustiftgasse 1, 1070 Wien im Rahmen des ImPulsTanz-Festival. Weitere Aufführungen am 14. und 15. August jeweils um 21 Uhr. www.impulstanz.com)


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