Neue BIP-Berechnung umfasst auch Drogenhandel und Prostitution

Berlin (APA/Reuters/dpa) - Die deutsche Wirtschaft ist um einen Schlag um viele Milliarden Euro größer. Möglich macht das die Neuberechnung ...

Berlin (APA/Reuters/dpa) - Die deutsche Wirtschaft ist um einen Schlag um viele Milliarden Euro größer. Möglich macht das die Neuberechnung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) nach neuen Standards, die das deutsche Statistikamt heute erstmals veröffentlichte. So werden Forschung und Entwicklung künftig eingerechnet. Auch die Schattenwirtschaft wird nach gleichen Kriterien einfließen - also etwa Drogenhandel und Prostitution.

Die statistischen Ämter in ganz Europa stellen die Berechnung auf Basis EU-weit vereinbarter Standards um. Verbindlich sind die neuen Regeln ab 1. September.

In Österreich wird seit Jahren Drogenhandel, Prostitution etc. BIP-wirksam: Die Statistik Austria rechnet bereits seit 2009 zugeschätzte Daten zur „Schattenwirtschaft“ bzw. illegalen Produktion ins BIP ein. Für das Jahr 2012 betrug die Zuschätzung zum BIP für illegale Produktion rund 890 Mio. Euro, das waren circa 0,3 Prozent des BIP. Die endgültigen Zahlen für 2013 inklusive der illegalen Produktion werden Ende September 2014 publiziert.

Mit der neuen Methode steigt die absolute BIP-Höhe - und zwar nach Eurostat-Schätzung um zwei Prozent auf EU-Ebene. Die Zuwachsraten etwa im Quartalsvergleich ändern sich nicht, weil die Statistiker alle Daten bis in die 60er Jahre zurück überarbeiten und an die neuen Kriterien angleichen. Auch das Haushaltsdefizit von Staaten kann sich verändern.

Kritiker bemängeln, dass dies die Schuldenquote der EU-Staaten sinken lassen könnte. Eurostat hält dem entgegen, das Defizit sinke keineswegs automatisch, weil sich auch dessen Berechnung verändere. Verbindlich sind die neuen Vorgaben ab 1. September. Das Europäische Statistikamt Eurostat wird nach diesem Daten auf die neue Berechnung umstellen, das Statistische Bundesamt in Wiesbaden macht dies bereits jetzt.

„Schuld“ an der neuen Berechnungsmethode sind die Vereinten Nationen. Diese haben 2008 die Einführung eines einheitlichen „System of National Accounts“ beschlossen, um Konjunkturdaten weltweit besser vergleichbar zu machen. Die Empfehlungen werden nun umgesetzt - in den USA etwa erfolgte dies schon vor einem Jahr.

Das Geld, das Unternehmen in Forschung und Entwicklung stecken, wird künftig als Investition verbucht. Bisher wurden diese Ausgaben vor allem als Vorleistungen angesehen und fielen deshalb bei der Berechnung des Bruttoinlandsproduktes weitgehend heraus. Auch staatliche Rüstungsausgaben werden künftig anders behandelt: Diese Anschaffungen fallen nicht mehr unter den Staatskonsum, sondern sind ebenfalls Investitionen. Auch Pensionsansprüche und Versicherungen werden anders bewertet.

Da für das Bruttoinlandsprodukt „grundsätzlich alle wirtschaftlichen Aktivitäten einer Volkswirtschaft“ erfasst werden sollen, werden erstmals auch Produktion und Handel von Drogen sowie der Schmuggel von Zigaretten berücksichtigt. Da über illegale Aktivitäten naturgemäß keine amtlichen Bilanzen vorliegen, arbeitet das Statistikamt mit Modellrechnungen und tauscht sich mit Experten - etwa vom Bundeskriminalamt - aus. „Der Einfluss der künftig zu erfassenden illegalen Aktivitäten auf die Höhe des BIP ist gering“, erklärte das deutsche Wirtschaftsministerium aber bereits.

In Deutschland ist die Wirtschaftsleistung um durchschnittlich etwa 3 Prozent höher als bisher berechnet, schätzt das Statistische Bundesamt. Lag die Summe der in Deutschland hergestellten Produkte und erbrachten Dienstleistungen 2013 bei ursprünglich 2.738 Mrd. Euro, so erhöht sie sich durch die Neuberechnung nun um rund 72 Mrd. Euro. Die Wachstumsraten müssen nur wenige Zehntel Prozentpunkte geändert werden, weil das BIP bis in das Jahr 1991 zurückberechnet wird.


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