Verstören und betören – die Propaganda der Jihadisten

Die Ideologie mag mittelalterlich sein, doch die Technologie stammt aus dem 21. Jahrhundert: Der IS wirbt für sich mittels Twitter und YouTube.

Von Marc Röhlig, dpa

Kairo –„Wir gehen, in sha’allah, ein paar Brüder besuchen“, sagt der junge Mann lächelnd im YouTube-Video, „und ihr könnt uns, so Gott will, dabei begleiten.“ Die Kamera zoomt an den Locken des Mannes vorbei sanft ins Unscharfe, Schnitt, und folgt ihm dann entlang eines Krankenhausflures. Es ist ein Propaganda­video der sunnitischen Terrormiliz Islamischer Staat (IS), und der Mann im Video ist ein unbekannter deutschstämmiger Kämpfer.

Im Video spricht er Deutsch, doch er baut in jeden Satz eine islamische Floskel ein. „Allah, gepriesen sei er, wird diesen Bruder annehmen“, sagt er über einen Verwundeten. Sein Lächeln wirkt dabei wie aus einem Kuschelrock-Video. Seine Tarnfleck-Schirmmütze ist nach hinten gedreht, die Kalaschnikow baumelt lässig über der rechten Schulter.

Das Video wurde vom „Al Hayat Media Center“ veröffentlicht, dem IS-Informationskanal. Es ist beispielhaft für die Propagandaschlacht, die die Terrormiliz im Internet führt. Mit hochauflösenden Imagefilmen, mit professionell gestalteten Download-Magazinen und in sozialen Netzwerken werben die Extremisten für ihren Kampf im Irak und in Syrien. Über ein Twitter-Konto wird gar der Vertrieb von T-Shirts und Kapuzenpullis im „Islamic Style“ organisiert, zu sehen sind das düstere IS-Logo oder israel­feindliche Motive.

Das „Al Hayat Media Center“ wurde im Mai gegründet, knapp einen Monat vor Beginn des IS-Großangriffs auf den Irak. Seitdem zeigt die Terrorgruppe in Videos, wie scheinbar glücksspendend der Kampf im Namen Gottes ist – oder wie schlecht es jenen ergeht, die sich gegen die Miliz stellen. Es sind Bilder, die entweder betören oder verstören sollen.

So gibt es Videos, in denen Islamisten Zuckerwatte an Kinder verteilen oder Bilder, die gefüllte Obststände zeigen und vom „blühenden Handel unter der Herrschaft des Islamischen Staates“ zeugen sollen. Gleichzeitig verbreitet der Propagandakanal Bilder, auf denen zu sehen ist, wie IS-Kämpfer Menschen auf brutalste Weise töten.

Alle Aufnahmen sind für ein vornehmlich westliches Publikum bestimmt, wie das Institut Memri analysiert, das islamistische Medien auswertet. So sind die Videos bei ihrem Erscheinen auch in mehreren westlichen Sprachen verfügbar, darunter Deutsch, Englisch und Französisch. Auch die Online-Magazine und Twitter-Kanäle des IS sind mehrsprachig. Konvertiten sollen so in den Nahen Osten gelockt und Gegner eingeschüchtert werden.

Der Islamische Staat hat sich seine Propaganda-­Strategie bei Al-Kaida abgeschaut. Die Terrororganisation hatte erstmals im September 2010 ihr englischsprachiges Inspir­e veröffentlicht. Anders als dieses Magazin halten sich die IS-Medien IS News und Dabik jedoch nicht mit langen, von Koran-Zitaten durchwobenen Texten auf.

Die Ausgaben setzen auf großformatige Bilder, die nicht selten an Hollywood-Plakate erinnern, und Propaganda in klaren und wenigen Sätzen: Unter dem „Kalifat“ des IS seien die eroberten Gebiete stabil und sicher geworden. Und bestraft oder getötet würden unter Gottes Gnade nur die Ungläubigen.

Eine Ausgabe von IS News zeigt den Kämpfer Uthman al-Almani. Er steht an einer Flak und reckt grinsend einen Finger in die Höhe, wie es Fußballer nach einem Tor machen. Uthman al-Almani heißt eigentlich Robert Baum. Wie der Jihadist aus dem YouTube-Video ist Baum Deutscher. Er soll sich in Syrien bei einem Attentat in die Luft gesprengt haben. Die IS News hat dafür die Spalte „Märtyrer“.


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