Euro-Wirtschaft stagniert - Krisen lassen deutsches BIP schrumpfen

Luxemburg (APA/dpa/Reuters) - Die Wirtschaftsleistung der Länder in der Eurozone stagniert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der 18 Staaten mi...

Luxemburg (APA/dpa/Reuters) - Die Wirtschaftsleistung der Länder in der Eurozone stagniert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der 18 Staaten mit der Gemeinschaftswährung blieb im zweiten Quartal 2014 unverändert gegenüber dem Vorquartal. Das geht aus jüngsten Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat in Luxemburg vom Donnerstag hervor.

In der gesamten EU wuchs die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal gegenüber dem ersten um 0,2 Prozent. Auch Österreich verzeichnete im zweiten Quartal ein Wachstum von 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Die heimischen Wirtschaftsforscher waren am Donnerstag trotzdem enttäuscht.

Die deutsche Wirtschaft, normalerweise ein Wachstumsmotor in Europa, schrumpfte um 0,2 Prozent, wie sowohl das Statistische Bundesamt in Wiesbaden als auch Eurostat heute mitteilten. Die deutsche Konjunktur kann sich damit den weltweiten Krisen nicht völlig entziehen. Erstmals seit eineinhalb Jahren schrumpfte die Wirtschaft in der größten Volkswirtschaft Europas.

Die EU-Kommission sah dies in einer Reaktion im milden Winter begründet. „Zudem sind Exporte weniger stark gewachsen als Importe, so dass der Außenhandel einen negativen Effekt auf das Wachstum hatte“, sagte ein Sprecher. Zugleich seien aber die Ausgaben von Privathaushalten und der Regierung im Vergleich zum ersten Quartal angestiegen.

Frankreich meldete bereits das zweite Quartal in Folge Stagnation. Italien rutschte wieder in eine leichte Rezession, mit minus 0,2 Prozent (nach minus 0,1 Prozent im vorigen Quartal).

Die EU-Kommission sprach von einem „gemischten Bild“. Der Sprecher betonte: „Wir haben die fragile Natur des Aufschwungs immer unterstrichen und bleiben dabei, dass das größte Risiko für die Erholung in Selbstzufriedenheit liegt. (...) Wir erinnern erneut daran, dass es notwendig ist, den Reformkurs zu halten.“

Hoffnungszeichen kamen indes aus zwei krisengebeutelten EU-Staaten: Spanien verzeichnete für das zweite Vierteljahr ebenso wie Portugal ein Wachstum von 0,6 Prozent. Der Sprecher der EU-Kommission führte dies auf die „kühnen Reformen“ zurück, die beide Länder in den vergangenen Jahren verfolgt hätten. In Zypern ging die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent zurück.

Das kräftigste Wachstum in Europa verzeichnete Lettland mit 1,0 Prozent, gefolgt von den Nicht-Euro-Staaten Großbritannien, Ungarn und Litauen. Für Irland, das im Vorquartal mit 2,7 Prozent an der Spitze lag, lagen keine aktuellen Zahlen vor, ebenso für Malta, Luxemburg, Kroatien, Dänemark, Slowenien und Griechenland.

Die deutsche Konjunktur bekam jedenfalls den von vielen Volkswirten erwarteten Dämpfer. Zudem korrigierten die Statistiker die Wachstumsrate für das erste Quartal leicht nach unten von 0,8 Prozent auf 0,7 Prozent. Damals profitierte etwa die Baubranche vom milden Winter.

Nun sorgten die zahlreichen Krisenherde rund um den Globus für Verunsicherung, insbesondere der Russland-Ukraine-Konflikt und die Entwicklung im Nahen Osten. Dem konnte sich die Exportnation Deutschland nicht völlig entziehen. „Die wohl rückläufigen Ausrüstungsinvestitionen weisen auf erste Bremsspuren aufgrund der geopolitischen Krisen hin“, sagte Konjunkturexperte Simon Junker vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Unter dem Strich bleibe die Wachstumsdynamik aber intakt.

„Man sollte nicht jede Spitze sogleich hochjubeln, wenn es nach oben geht, oder zu Tode betrübt sein, wenn es mal nach unten geht“, warnte der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Christoph M. Schmidt, im „ARD-Morgenmagazin“. „Das Gesamtbild ist immer noch, dass Deutschland auf einem breiten Fundament sein Wachstum momentan fußen lässt.“ Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer bestätigte die jüngst gesenkte Prognose, wonach die deutsche Wirtschaft im Gesamtjahr um 1,7 Prozent zulegen sollte. Das Wachstum im zweiten Halbjahr dürfte höher ausfallen. Auch Ökonomen des Bankhauses Lampe halten Sorgen vor einem Konjunkturabsturz aktuell für übertrieben. Die deutschen Verbraucher und die Bauinvestitionen dürften sich unbeeindruckt von der Geopolitik zeigen.

Erstmals wendet das deutsche Bundesamt die neuen europäischen Regeln zur Berechnung des BIP an. Damit steigern zum Beispiel auch Drogenhandel, Zigarettenschmuggel und der Kauf von Panzern die Wirtschaftsleistung. Im Ergebnis wird für Deutschland eine um rund 3 Prozent höhere Wirtschaftsleistung erwartet - wobei sich der Effekt auf die Wachstumsraten in sehr engen Grenzen hält. Die neuen Regeln sind ab dem 1. September für die EU-Staaten verbindlich - auch in Österreich.


Kommentieren