Ein Feuerwerk auf glattem Eis

Das Porträt eines Künstlers als jugendlicher Träumer: In Teresa Präauers leichtfüßigem Roman „Johnny und Jean“ fantasiert sich ein junger Mann durch den Kunstbetrieb.

© Katharina Manojlovic

Von Joachim Leitner

Innsbruck –So wirklich glauben mag man ihm nicht, diesem Johnny, der da von seiner Freundschaft mit Jean erzählt. Wie sollte man auch. Einem angehenden Kunststudent, der seine Erzählung mit einem fragwürdigen „Ich stelle mir vor“ beginnt, ist nicht zu trauen. Und einem, der versichert, dass ihm Salvador Dalí persönlich die Intention des „Andalusischen Hundes“ erklärt und der wenig später mit Marcel Duchamp über Flaschentrockner redet, sowieso nicht. Nun möchte man dem guten Johnny, der – noch so eine Befürchtung – erst nach einer durchzechten Nacht, die es vielleicht gar nicht gegeben hat, Johnny heißt, nicht der Lüge bezichtigen. Aber dass er die geschilderten Ereignisse – wie es an einer Stelle heißt – „ein bisschen auffrisiert“, steht außer Frage.

Diese eigenwillige Erzählhaltung, die einen in knappen, durchaus plastischen Sätzen immer wieder aufs Glatteis führt, macht den Reiz von Teresa Präauers zweitem Roman „Johnny und Jean“ aus. Einen Teil des Reizes jedenfalls. Denn das, von dem der unglaubwürdige Johnny erzählt, ist durchaus konkret – und könnt­e ohn­e allzu viel Vermessenheit mit „Entwicklungsroman“ überschrieben werden. Aber vermutlich würde dieses bedeutungsschwere Etikett den wunderbar leichten Roman unnötig zu Boden drücken.

Johnny jedenfalls will Künstler werden. Recht viel mehr als diese Absicht, eine Skizzenmappe voller Fische, „an denen etwas nicht stimmt“, und viel Unsicherheit hat er zunächst aber nicht vorzuweisen. Ganz anders als Jean. Dieser frankophile Knallkopf, der immer schon ein bisschen früher da ist, wo alle hinwollen, und von Œuvre zu Œuvre flitzt, bezaubert bereits im ersten Studienjahr Mitstudenten, Professoren und Galleristen. Getreu Picassos Diktum sucht Jean nicht, er findet. Während Johnny sich also mit den Pflichtübungen angehenden Kunsthandwerks abmüht, wird Jean, den er dafür bewundert und verachtet, bereits für die Kür bejubelt. Freunde werden Johnny und Jean trotzdem. Irgendwie jedenfalls.

Schon das Milieu, in dem Teresa Präauer ihre Geschicht­e von „Johnny und Jean“ ansiedelt, hat es in sich: Der Kunstbetrieb zwischen Alten Meistern („Ach Cranach“), hochgejubeltem Zeitgeist („New Yorker Pop-up Project Spaces“) und postmodernem Theorie-Sprech („diskursiv angewandte Rhizom-Modelle“) gibt schier unermesslichen Stoff für Präauers lustvolle Montage aus Momentaufnahmen, die das von Dalí und Luis Buñuel just im „Andalusischen Hund“ erprobte Verfahren des Match-Cuts spielerisch auf die Literatur überträgt.

Teresa Präauer kennt das, wovon sie schreibt, nicht zuletzt aus eigener Erfahrung: Die 35-Jährige ist studierte Malerin und arbeitet auch als Illustratorin – zuletzt gestaltet­e sie beispielsweise die linken Seiten der aktuellen Quart-Ausgabe. Ihr Prosadebüt „Für den Herrscher aus Übersee“ wurde 2012 mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Und auch „Johnny und Jean“ ist ein preiswürdiges, weil auf manchmal rührende, dann wieder irrwitzige Weise welthaltiges Erzählfeuerwerk.

Roman Teresa Präauer: „Johnny und Jean“. Wallstein, 208 Seiten, 20,50 Euro.


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