Eine grenzenlose Erzählung, im Netz gewoben

Eine Fülle an bislang nicht erzählten Geschichten zum Ersten Weltkrieg erwartet den Nutzer des Crowdsourcing-Projektes „Europeana 1914–1918“.

Feldpost eines späteren Diktators: Adolf Hitlers Grüße tauchten am Aktionstag des Webportals in München auf.
© Europeana

Von Silvana Resch

Innsbruck –Man möchte meinen, das Geschehen liege in weiter Ferne, und doch, auch hundert Jahre später, wird das Erinnern zu einer „sehr emotionalen Angelegenheit“, sagt der Historiker Frank Drauschke, Projektleiter des Internet-Archivs Europeana 1914–1918. Auf dem Webportal ist die bislang umfassendste Sammlung zum Ersten Weltkrieg entstanden, teils durch Privatpersonen, teils mithilfe von Institutionen. Hierzulande haben etwa die Österreichische Nationalbibliothek, das Wien Museum oder die Universität Wien beigetragen. Den besonderen Reiz dieses von der EU geförderten Projekts macht jedoch die Fülle an familiären Erinnerungsstücken aus, mehr als 130.000 wurden bislang in 14 europäischen Ländern zusammengetragen.

Neben Landkarten, Flugblättern, Schützengrabenzeitungen, Briefen, Postkarten und Fotografien wurden Tagebücher, Abzeichen, Helme, Fernrohre, ja sogar Prothesen fotografiert und digitalisiert. Nach einer Registrierung ist es jedem Nutzer möglich, selbst Erinnerungsstücke auf das Webportal hochzuladen. Ein Großteil der digital erfassten Gegenstände wurde aber nach wie vor bei den jeweiligen Aktionstagen vorbeigebracht, so Drauschke. Seit 2011 wird gesammelt, die Resonanz „ist überraschend groß“.

Am Wiener Aktionstag Anfang August wurden etwa rund 4600 digitale Dateien von Familienerinnerungsstücken erstellt. Edelweiß, Feldpostkarten aus Birkenrinde, bemaltes Steingut, sogar ein 500-seitiges handgeschriebenes Kochbuch zählen dazu. Ein Anlass, der Vergessenes wieder ans Licht bringt: „Bei fast jedem Aktionstag gibt es Tränen“. Manche würden an den Vater, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist, denken. Die Gedächtniskultur ist dabei von Land zu Land verschieden. In Großbritannien bringe eine Person meist nur ein oder zwei Erinnerungsstücke vorbei, z. B. den Orden des Großvaters oder eine Postkarte. Im deutschsprachigen Raum wird viel mehr bewahrt. „Ganze Koffer mit Feldstechern, Tagebüchern und Negativen wurden schon vorgelegt.“ Bei dem Projekt stieß selbst der Historiker auf unbekannte Aspekte. In Trient wurde etwa die mit „Leben in Katzenau“ betitelte Kohlezeichnung des italienischen Künstlers Gustavo Borzaga digitalisiert. Darauf zu sehen ist eine fauchende schwarze Katze, die auf Totenköpfen tanzt. Der Maler hatte das berüchtigte k. u. k. Internierungslager bei Linz zwar überlebt, starb jedoch 1920 an Tuberkulose. Den katastrophalen Bedingungen in Katzenau fielen zahlreiche Trentiner zum Opfer. Die österreich-ungarischen Machthaber hatten zu Kriegsbeginn aus Sorge um die Loyalität ihrer italienischsprachigen Bürger vorsorglich auch Frauen und Kinder in Lager gesteckt. „Ich denke, die Dichtheit an Überlieferungen liefert neue Impulse für die historische Forschung“, ist Drauschke überzeugt.

In Nordtirol gab es im Gegensatz zu Südtirol bislang noch keinen Aktionstag. Ähnlich wie in Franzensfeste sei aber eine Kooperation möglich, Europeana 1914–1918 würde Interessierten das Know-how dazu liefern. Zu entdecken gibt es auf dem Webportal bislang freilich genug. „Im Netz ist ein Rohdiamant gewachsen“, so Drauschke. Es liege nun an Forschern, Nutzern, Autoren oder Journalisten, diesen zu heben und zu schleifen.


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