Deutsch-Rumäne Johannis will in Rumäniens höchstes Staatsamt

Bukarest (APA/AFP) - Ob „deutsche Strenge und Disziplin“ als Kompliment oder Spott zu verstehen sind, hängt manchmal von den Begleitumstände...

Bukarest (APA/AFP) - Ob „deutsche Strenge und Disziplin“ als Kompliment oder Spott zu verstehen sind, hängt manchmal von den Begleitumständen ab. In einigen Ländern würden solche Attribute das Aus eines Präsidentschaftskandidaten bedeuten. In Rumänien, das von politischen Machtkämpfen, Korruptionsaffären und Wirtschaftskrisen beherrscht wird, könnten sie Klaus Johannis (Iohannis) im November den Wahlsieg bescheren.

Viele Rumänen versprechen sich von ihm eben jene „deutsche Strenge und Disziplin“ an der Staatsspitze. Bisher vermissten sie diese Eigenschaften bei der Führungselite des zweitärmsten EU-Landes.

Johannis ist Rumäne, hat aber deutsche Wurzeln - und spricht beide Sprachen fließend. Mit seinem Demokratischen Forum der Deutschen in Siebenbürgen zog er vor 14 Jahren als Bürgermeister ins Rathaus von Sibiu (Hermannstadt) ein. Drei Mal wurde er seither wiedergewählt. Während seiner Amtszeit stieg die europäische Kulturhauptstadt von 2007, Rumäniens „architektonisches Juwel“, zu einem der beliebtesten Reiseziele des Landes auf.

Über die Jahre etablierte sich der frühere Physikprofessor in der Politik, sodass ihn im Oktober 2012 drei Oppositionsparteien als neuen Regierungschef durchsetzen wollten. Die Parlamentsmehrheit war dafür, doch der Plan scheiterte am Widerstand des Präsidenten. Im Februar dieses Jahres versuchte es die liberale Mitte-Rechts-Partei PNL dann erneut, doch lehnte der umstrittene Ministerpräsident Victor Ponta ihre Forderung ab, Johannis zu seinem Stellvertreter und Innenminister zu machen. Der Juniorpartner verließ daraufhin die Regierungskoalition - und machte Johannis im Juni mit 55 Jahren zum Parteichef.

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Bei der Präsidentschaftswahl im November treten der Sozialdemokrat Ponta und Johannis nun direkt gegeneinander an. Umfragen zufolge dürfte nur der PNL-Vorsitzende in der Lage sein, den amtierenden Regierungschef in die Stichwahl zu zwingen.

Allerdings gehört Johannis gleich zwei gesellschaftlichen Minderheiten an, was seine Siegchancen schmälern könnte. Politische Gegner weisen gerne darauf hin, dass er als Rumäniendeutscher auch der evangelisch-lutherischen Kirche angehöre. In einem Land, dessen Bevölkerung zu 90 Prozent orthodox ist, versuchen sie ihn damit an den Rand zu drängen.

Selbst Ponta schreckt nicht davor zurück, die Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft für sich zu instrumentalisieren. „Ich glaube nicht, dass ein Präsidentschaftsbewerber Probleme bekommt, wenn er weder orthodox noch rumänischer Herkunft ist“, stichelte er bei der Verkündung seiner Kandidatur. „Ich will mir aber nicht vorwerfen lassen, orthodox und rumänisch zu sein.“ Für seine „hinterhältige, nationalistische Retourkutsche“ wurde Ponta zwar von vielen Rumänen gerügt, bei anderen Wählern dürfte seine Botschaft aber gegriffen haben.

„Wie kann man mir vorwerfen, nicht rumänisch zu sein, wenn meine Familie seit 900 Jahren hier lebt?“, konterte Johannis empört. Seine Vorfahren waren sächsische Siedler aus dem heutigen Luxemburg, die sich im 12. Jahrhundert in Transsylvanien ansiedelten. Der Familienname „Johannis“ blieb in der Region über Jahrhunderte präsent, doch während der kommunistischen Herrschaft verfügte das Bürgermeisteramt von Sibiu, dass der neugeborene Klaus nach geltender Orthografie „Iohannis“ zu heißen habe.

„Damals wurde es eben nicht gerne gesehen, dass jemand auf seine deutsche Herkunft besteht“, erinnerte sich der politische Pragmatiker kürzlich im Gespräch mit ausländischen Journalisten. Auf Gegenangriffe unter der Gürtellinie wolle er aber verzichten und stattdessen lieber über „mein Projekt für Rumänien sprechen, über das, was ich aus dem Land machen will“.

Johannis will nach eigenen Angaben dem Rechtsstaat zu neuer Würde verhelfen und die Korruption bekämpfen. Nicht nur der EU ist Pontas umstrittene Justizreform und die Aushöhlung der Gewaltenteilung in Bukarest ein Dorn im Auge.

Über „mangelnde Erfahrung“ spotten hingegen Johannis‘ Gegner. Innerhalb der Zentralverwaltung des Landes habe er schließlich noch keinen verantwortungsvollen Posten bekleidet. In Pontas Rumänien lässt sich auch das freilich zum Kompliment umdeuten.


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